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Lorenz Seidler

Schluss mit der Geschmacklosigkeit!
Lorenz Seidler

Erinnern Sie sich noch an das „beliebteste Bild Österreichs“? Anno 1998 baten das Künstlerduo Komar und Melamid Herrn und Frau Österreicher zur ästhetischen Meinungsumfrage. Der statistisch erhobene Mehrheitsgeschmack forderte ein Liebespaar vor Seelandschaft neben Blumenstrauß und Rehkitz auf die Leinwand und wurde anschließend als gnadenlose Kitschanhäufung mit spöttischem Grinsen präsentiert. Die vorschnelle Schlussfolgerung: Allgemein beliebte Motive haben in zeitgenössischer Ästhetik nichts verloren. Herr und Frau Kunstkenner sahen das Experiment als Bestätigung ihres exklusiven Kunstgeschmacks und marschieren seither umso tapferer durchs Museum.

Doch Kunst verschwindet nicht nur in „White Cubes“ oder im Dunkel eines Sammlertresors. Ausstellungsfläche Nummer Eins ist und bleibt die Wohnzimmerwand. Dort darf sie hängen und soll sogar gefallen, die Kunst.

Wurde in jener Studie das Klischee vom hässlichen Klischee nur bestätigt, so gelingt Hannah Stippl in ihren Bildern das genaue Gegenteil: erfolgreicher Einsatz aller malerischen Mittel ohne Rücksicht auf deren Kitschpotential, elitären Stellenwert und sonstige Verbote der zeitgenössischen Geschmackspolizei.

Es werde Bild! Hannah Stippl wählt bewusst die einstigen Lieblinge (und heutigen Feinde) kunstsinniger Bildungsbürger und deren – innen: Tapetenmuster, Blumenbilder und den Motivfundus der Natur.
Assoziationen an die blumigen Zeiten des Biedermeiers sind durchaus erwünscht, wahlweise bietet Hannah Stippl sogar passende Tapeten oder farbliche Abstimmung mit dem Wohnzimmersofa. Die erste Message der Bilder ist sichtbar: Der Hauptnutzen eines Bildes liegt noch immer in seinem dekorativen Potential.

Sture Verfechter veralteter Ästhetiktheorien sollen sich trotzdem nicht zu früh freuen: Wo einst ein schöner Blumenstrauß von empfindsamer Künstlerhand auf die Leinwand gepinselt wurde, lässt Hannah Stippl zusätzlich die Mechanik der Tapetenwalzen walten. Stippls Blumenmuster haben weder Berührungsängste mit den Bildinhalten vergangener Jahrhunderte, noch mit der gestalterischen Willkür der Gegenwart.

Die sphärischen Farbabstimmungen, auf denen Stippls Blümchen erblühen, pardon, gewalzt werden, betonen die verklärte Weltsicht der Impressionisten ebenso wie die Tatsache einer vor- und zwischengrundierten Leinwand. Bloß ist die Grundierung bei Hannah Stippl weder weiß, noch einfärbig, noch einheitlich, noch stets an unterster Stelle. So rankt sich Schicht über Schicht über Pflanzenmuster bis zur blumigen Unkenntlichkeit. Hannah Stippl verknotet fröhlich die Arabesken vergangener Jahrhunderte mit den spielerischen Kapriolen heutigen Kunstschaffens. Das Resultat: Vormoderne Blümchen im postmodernen Remix.

 

 


Im Gegensatz zu blauen Pobacken, Rinderblut oder expressiven Pinselperformances müssen sich Hannah Stippls Gestaltungselemente den Platz über dem Sofa nicht erst erkämpfen. Das Kunstwerk als vermeintliche Provokation des Kunstbanausen hat ausgedient. Kunst darf gefallen dürfen. Auch hier und jetzt. KünstlerInnen sind längst nicht mehr die missverstandenen Propheten künftigen Volksgeschmacks. Sie werden schon die längste Zeit als kreative Ideenlieferanten behandelt. Die individuelle Geschmacksentscheidung liegt bei den KonsumentInnen. Doch um dem Vorwurf der Geschmacklosigkeit zu vermeiden, bleiben jene, im wahrsten Sinne des Wortes, lieber gleich „geschmacklos“ und gehorchen auf den Marketingmühlen des Kunstbetriebs.

Doch die Schere steckt nicht nur im Kopf des Betrachters. Theorielastige Qualitätsbeteuerungen in Form von Saalzetteln, Kunstpublikationen und Katalogtexten sorgen auch in Künstlerhirnen für präventiven Gehorsam.

Hannah Stippl hat im Laufe ihrer zahlreichen Nebenberufe als Organisatorin, Kuratorin und Archivarin im weiten Feld der Kunst die Fundamente (und Luftschlösser) künstlerischer Qualität kennen und beurteilen gelernt. Dieses Wissen bildet den ironischen Unterton ihres Griffes in die Mottenkiste der „Must Not’s“ zeitgenössischer Bildproduktion. Denn die viel zitierte „Freiheit der Kunst“ endet häufig dort, wo sie vom Kunstbetrieb selbst nicht gewährt wird. Hannah Stippl thematisiert die Zwänge der Kunstproduktion durch konsequentes Ignorieren. Es gelingt ihr, die Ästhetik der letzten Jahrhunderte mit den Ansprüchen der Gegenwart zu verbinden und gleichzeitig eine Brücke zu jenen Menschen (und Wohnzimmerwänden) zu schlagen, an denen zeitgenössische Kunst bisher nicht hängen geblieben ist.