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Nora Sternfeld & Ljubomir Bratic, Alles möglich.6

VON DER PARADIESISCHEN KRAFT DES ORNAMENTS
Chaos, Zufall und Ordnung in den neuen Werken von Hannah Stippl
von Carl Aigner

"böschung_02" betitelt Hannah Stippl lapidar ihre neue, in den letzten Monaten entstandene Werkserie, die sie in Acryl- und Gouachetechnik auf Leinwand ausgeführt hat. Wie in vielen Arbeiten seit 1998 findet sich auch hier die Einbindung von Gummiwalzen, mit denen auf Wänden ein Quasitapetenmuster imaginiert wurde. Diese triviale und banale Ausmalweise von Wohnräumen bildet den ordnenden und strukturalen Fokus ihrer künstlerischen Strategie, aus dem heraus sich über die Verfahrensweise von Chaos und Zufall Farbschichten entfalten, die auf faszinierende Weise zwischen Bild und Ornament oszillieren.

In vielfachen Überlagerungen wird dabei nicht nur eine auf Basis von Malschichtungen erzeugte Raumtiefe der Bilder suggeriert, sondern auf Grund der Gummiwalzenmuster auch eine florale Archäologie des Ornamentalen. Auf den ersten Blick werden chaotische, im Spannungsfeld von Zufall und Ordnung generierte Farbmuster sichtbar, die bei intensiverer Betrachtung eine komplexe botanisch-florale Zeichenwelt ergeben und einen großen kunsthistorischen Bogen von den Herbarien des Mittelalters bis hin zu den botanischen Konstruktionen eines Karl Bloßfeldt im 20. Jahrhundert schlagen. Bezeichnend auch, wie sehr in der aktuellen Gegenwartskunst Florales thematisiert wird. Die floralen Walzenmuster verdichten sich im Wechselspiel von Konkret und Abstrakt in ihren Überlagerungen zu floralen Landschaften und vice versa. Aus der chaotischen Auflösung und der zufälligen Figuration resultieren die kompositorischen Ordnungen der Werke, die einen stark meditativen Charakter implizieren.

 

 


Formal wird dabei eine künstlerische Haltung sichtbar, die nicht nur den Begriff von Schönheit provokativ demonstriert, sondern auch das Moment des Transgressiven als Erkenntnisprinzip situiert: Vom Trivialen zum Künstlerischen, vom Ornament zum Bild, vom Zeichnerischen zum Malerischen, vom Motiv zum Raum erarbeitet Hannah Stippl eine Bildkomposition, die wesentlich durch die Verfahrensweise der Serialität ihren avancierten Charakter zum Vorschein bringt.

Martin Heideggers Überlegungen über das Zeitalter des Weltbildes definieren dieses nicht als ein Bild von der Welt, sondern die Welt als Bild. Im Hinblick auf die inhaltliche Thematik von Natur und Kunst geht es nicht mehr um die Natur als Absolutes der Kunst, als Ort des Unendlichen im Sinne der Romantik, sondern um Wahrnehmbarkeit von Natur kraft des künstlerischen Bilddiskurses. Natur als Weltbild ist seit dem Impressionismus kein Kant’sches Apriori mehr, sondern piktorale Konstruktion von mentalem, imaginativem und materialem, also realen Bild.

Natürliches und Künstliches werden mittels der Struktur des Ornamentalen zu Metaphern von Natur und gleichzeitig Kunst, womit auch im sogenannten Inhaltlichen die Verschränkung transgressiver Aspekte des Aridanefaden im Labyrinth der Bilderwelt der Künstlerin signalisieren. Kunst ist nicht nur ein Ort der Repräsentation von Natur, vielmehr geht es um Einsichten in die Vernetzungen von Bild und Natur, von Bild als Natur und von Bild als reflektierter Natur. Gerade im Hinblick auf die gen- und biotechnologischen Entwicklungen muss von einer kopernikanischen Wende im Verhältnis von Natur und Kultur gesprochen werden. Natur als Konstruktion von Kulturtechniken ist modulare und molekulare Fabrikation geworden, die in der ornamentalen Musterung ihr ästhetisches Echo findet.

Hannah Stippl verwebt formale Notwendigkeiten der Bildkomposition mit thematischen Frage- und Problemstellungen essentieller gegenwärtiger Transformationen von Naturbegrifflichkeit in stringenter Weise und eröffnet dadurch wieder den Blick auf das Paradiesische der Natur als Ort der Unvergänglichkeit. Sigmund Freud hat den Traum als bildnerische Verfahrensweise des Unbewussten auch als Ort der Zeitlosigkeit definiert – die neueren Bilder der Künstlerin sind materialisierte Blickmöglichkeiten auf diese Orte, die wir zunehmend glauben, nicht mehr über das Imaginieren, sondern über das gentechnisch Präparierte gewinnen zu können.