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Martin Praska

Treten Sie näher! Eine Distanzlosigkeit.
von Martin Praska

Normalerweise, liebe Leserin und lieber Sammler (Frauen lesen und Männer sammeln), steht an dieser Stelle eine ausgemachte Expertenmeinung – dem malerischen Anlass entsprechend eine recht schönfärberische obendrein.
Eine solche einzuholen, bedarf es aber einer gewissen Distanz zur Ehrlichkeit, die der Hannah Stippl nun aber vollends fehlt. So, wie ja die Experten, um den Überblick zu bewahren, immer in einer gewissen Entfernung, sprich in einem wohl ausgebildeten Abstandsverhältnis zum Gegenstand ihrer Expertise zu stehen pflegen.

Schon als Kinder bekommen wir beigebracht, dass Gemälde den richtigen Abstand brauchen. Wir fahren mit der Schulklasse nach Paris, gehen in ein Museum, sehen dort ein Bild von Claude Monet hängen. Und die Frau Lehrerin und der Aufseher sorgen dafür – übrigens aus ganz entgegengesetzten Gründen -, dass wir nur ja nicht zu nahe herantreten. Das Bild muss man von hier betrachten. Nicht von hier, von dort! Von dort hinten!

Dabei fürchtet der Aufseher die Gefahr, die vom Besucher für das Bild ausgeht. Und die Frau Professor fürchtet umgekehrt die Gefahr, die das Bild für ihre Schützlinge darstellt. Es könnte ja sein, so ihre Sorge, dass die Schüler vom Chaos der Pinselstriche ganz verwirrt, verstört werden. Dass sie sich in dem Wirrwarr der über- und untereinander gelegten Farben verlieren und nicht mehr herausfinden. Längst hat die versierte Pädagogin gemerkt, dass von der großen Leinwand etwas gefährlich Anarchisches ausgeht, das die jungen Staatsbürger in ihrer Entwicklung zur Anpassung behindert. Von hier aus, also von weitem, so argumentiert sie mit aller geheuchelten Naivität, nur ganz aus der Ferne, erkennt man ja das Wesentliche. Und sie meint damit allen Ernstes die Seerosen. Wir sind immer noch bei Monet. Genug davon.

Maler – im Gegensatz zu den Experten – sind nur bedingt als Subjekte einer Untersuchung über die Malerei tauglich. Wenn man selbst Bilder malt, bleibt einem gar nichts anderes übrig, als gelegentlich nahe heranzutreten. Das gewöhnt man sich nun aber so sehr an, selbst bei fremden Werken, dass man immer wieder in die peinliche Situation gerät, in den Museen, bei den Wärtern und den Lehrpersonen Alarm auszulösen.

Indem hier also unkonventioneller Weise einmal ein Maler über eine Malerin zu sprechen anhebt, gerät die Bildbetrachtung natürlich unversehens zu einem Annäherungsversuch. Aus gutem Grund übrigens, denn von weitem glaubt man tatsächlich es handle sich dabei um so etwas ähnliches wie die berühmten Seerosen des großen Impressionisten. Und dann wundert man sich, warum das heutzutage noch Konjunktur hat. Naja, die Experten wundern sich halt.

Aus nächster Nähe betrachtet ist es aber etwas ganz anderes als von weitem vermutet. Das lässt sich leicht bei einem Besuch feststellen: Claude Monet in seinem wunderschönen Garten draußen in Giverny bei Paris zu Beginn des letzten Jahrhunderts, und Hannah Stippl in ihrem wunderschönen Atelier in Wien zu Beginn des neuen Jahrtausends. Monet an der Schwelle zur formlosen Abstraktion, zu dem um 50 Jahre vorweggenommenen Informel, malt immer noch seine sehr konkreten Seerosen. Dass weiß er. So aufgelöst und diffus diese auch am Ende ausschauen mögen.

 

 


Hannah Stippl, 50 Jahre nach der Erfindung der informellen Malerei, weiß nun nicht, was sie tun soll. Und das ist der entscheidende Unterschied, der sie zur zeitgenössischen Künstlerin macht. Wir leben ja – am Rande bemerkt – in einer Zeit des Fatalismus. Es gibt keine Utopien mehr, keine Visionen und keine Investitionen. Alles, was man uns zu bieten hat, ist ein Sparprogramm und eine ausgemachte Spießbürgerpolitik. Ich sage das deshalb, weil die Kunst seit jeher die politische Opposition ist und sein muss.

Und weil auch eine Malerei, so subtil sie auch immer ist, erst dann zur Kunst wird, wenn sie da im rechten Augenblick richtig reagiert. Claude Monet hat in einer Zeit der industriellen, technischen und nationalstaatlichen Euphorie im Europa vor dem ersten Weltkrieg – Blumen gemalt. Und zwar so, dass sie sich beim Näherkommen in nichts als Farbe auflösen.

Hannah Stippl macht es ganz umgekehrt. In einer Zeit der wissenschaftlichen wie gesellschaftlichen Frustration inmitten eines zwischen Einigungs- und nationalistischen Separationsbestrebungen zerrissenen Europa malt auch sie Blumen, aber so, dass man zunächst nichts als diffuse Farbe sieht und erst beim Herantreten exakte schablonenhaft applizierte Blumenarrangements erkennt. – Hannah Stippl: der umgekehrte, der spiegelverkehrte Monet.
Und in der Mitte zwischen dem alten Maler und der jungen Malerin, von beiden gleich weit entfernt, die Symmetrieachse: abstrakter Expressionismus und Informel. Und um das Gleichnis zur Geometrie auf die Spitze zu treiben, sei die These gewagt, auch der gesellschaftliche Hintergrund erscheint uns gespiegelt. Nationalistische und chauvinistische Tendenzen da wie dort, aber hier und heute aus Frustration. Damals aus Euphorie.
Als ein Bild für Rückwärtsbesinnung, Konformität und Bürgerlichkeit erscheint uns das Blumenbildnis. Und das Bestreben der nonkonformistischen Künstler ist dessen Auflösung. Monet fordert uns dazu auf – dem Aufseher und der Frau Lehrerin zum Trotz -, näher zu kommen. Hannah Stippl schickt uns, nachdem wir angesichts der Blumenfülle – die Dosis macht das Gift – erschrocken sind, wieder auf Distanz.

Der bürgerliche Salon, Schreckenskabinett aller Künstler seit wir den Begriff Avantgarde kennen, wird seitdem von diesen auch immer wieder umgedreht, nach außen gestülpt und misshandelt. Und auch Hannah Stippl geht da ganz offensiv vor, indem sie den Wanddekor herunternimmt und damit nach Gutdünken verfährt. Ihre Bilder sind hypertroph-monströse Tapeten. Und dann kommt die Stuckdecke dran. Sie wird von ihr in Einzelteile zerlegt und zerdrückt, gequetscht und an die Wand gehängt.

FNaja, von Weitem fühlt sich die Aufsichtsperson noch wohl. Es geht ihr wie in der Orangerie in Paris vor den Seerosen. Mittlerweile haben wir gelernt, abstrakte, formlose und gestische Malerei zu verstehen. Und so treten wir ohne Scheu näher. Doch halt, was soll das? Wild gewordene Blümchentapeten, mit Walzen aufgetragene Muster und Wiesenstücke ohne Horizont und ohne Rettung. Auch die Idylle kann zur Schreckensvision werden. Es kommt eben auf die Dosis, es kommt auf die richtige Distanz an. Wer demnach nicht weitsichtig ist und darüber hinaus keine Angst hat vor subversiven Erkenntnissen – Allergiker ausgenommen- sollte den vorliegenden Katalog jedenfalls einmal etwas näher unter die Augen halten.