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Silvie Aigner

Eröffnungsrede 2004
Ausstellung im Barockschloss Mistelbach
von Silvie Aigner


Ich danke für die Einladung und freue mich sehr heute ein paar einleitende Worte zur Ausstellung zu sprechen zu dürfen. Einerseits natürlich weil ich die Arbeit von Hannah sehr schätze und immer wieder neugierig bin, wie sich ihre Werk weiterentwickelt und andererseits weil ihre Oeuvre auch ein Beispiel für die zeitgenössische Relevanz von Malerei ist. Mehrmals seit den russischen Konstruktivisten wurde die Malerei als Technik oder das Tafelbild als Medium für obsolet oder so gar tot erklärt. Edelbert Köb, Direktor des Museums moderner Kunst wurde, gemeinsam mit dem damaligen Rektor der Akademie der bildenden Künste, Carl Pruscha als Totengräber der Malerei bezeichnet, als er an der Akademie eine Foto — und eine Medienklasse einrichtete. Es wurde als Angriff auf die Substanz der Kunst gewertet. Demgegenüber steht allerdings eine vitale und ungebrochene Kontinuität der malerischen Praxis vieler zeitgenössischer Künstler und Künstlerinnen, so wie die stets euphorisch reklamierte Wiedergeburt der Malerei zu den verschiedensten Zeiten. Was Toni Stooss den ersten Direktor der Kunsthalle Wien veranlasste von der Malerei als dem notorischen Lazarus der jüngeren Kunstgeschichte zu sprechen.

Nun welche Rolle spielt Malerei in der zeitgenössischen Kunst heute? Die Auseinandersetzung zwischen abstraktiver Kunst, so der Terminus dafür in den 50er Jahren, und den Anhängern einer figurativen Malerei beeinflusst durch die surrealistischen Tendenzen um Edgar Jéne im Art Club sind definitiv vorbei –. Diese Diskussion war bereits medienübergreifend und betraf nicht nur die Malerei, sondern auch Grafik und Skulptur. Dennoch die Gattungen waren noch voneinander getrennt, in der Folge sprach man der Malerei oft ihren Platz ab, Installationen, Neue Medien Fotografie und die Konzeptkunst reüssierten. Die Neuen Wilden setzten konzeptuellen und feministischen Kunst der ausgehenden 70er Jahre eine, und das muss man auch erwähnen, männlich dominierte expressive Malerei und dass im klassischen Tafelbild entgegen, ein pastoser, gestischer Pinselduktus zeigte Malerei um ihrer selbst Willen. Die jüngere Generation arbeitete in der Folge jedoch wieder stärker im gesellschaftskritischen Diskurs oder sah ihr Werk im kunstimmanenten Kontext. Die Malerei suchte das Crossover oder wurde nicht selten selbst zur Raumkunst wie dies unter anderem in der Ausstellung Raum-Malerei in der Landesgalerie Oberösterreich zu sehen war. Doch jenseits oder vielmehr inmitten all dieser Diskurse von einer gesellschaftlich-relevanten Interaktion bis hin zur bloßen Selbstreferenz ist die Tradition der Malerei eine ungebrochene, wenngleich sie uns seltener als früher in der Form des reinen Tafelbildes gegenüber tritt, vielmehr werden die Formen des Tafelbildes verändert und nicht selten mehrere Medien miteinander vermischt, oder sie ist eine unter mehreren Ausdrucksmöglichkeiten, denen sich die Künstler und Künstlerinnen bedienen.

 

 


Sind die ausgestellten Arbeiten von Hannah Stippl nun Tafelbilder im herkömmlichen Sinn? Mit Malerei haben sich sicher etwas zu tun, doch weder gehören sie in den Bereich der gestische wilden, expressiven Malerei, und auch nicht so richtig, obwohl sie mitunter diesen zugeordnet werden in den konkreten Bereich der Malerei. Vielmehr sind sie ein Beispiel für die Vielfalt oder mit einem Terminus ausgedrückt für den Pluralismus in der heutigen Kunst der wohltuend ehemalige Formalismen als obsolet erscheinen lässt. Sie selbst nennt jedoch durchaus kunsthistorische Strömungen wie Minimal Art, oder auch auf Konzeptkunst basierende Malerei als Ansatzmöglichkeiten bzw. Agnes Martin und Christopher Wool als Vorbilder.

Hannah Stippl begann während ihres Studiums an der Hochschule, heute Universität für angewandte Kunst mit Mustern zu arbeiten, zunächst waren es Streifen, doch kam sie damit wie sie es selbst ausdrückt nicht zu dem, was sie eigentlich mit der Malerei umsetzen wollte. Armeleutetapeten, nannte man einst die mit Gummiwalzen erzeugten Muster, die Wohnräume, aber vor allem Stiegenhäuser zierten und von der Künstlerin dort auch erstmals bewusst wahrgenommen wurden. Eine regelrechte Jagd auf Gummiwalzen begann, heute besitzt sie ungefähr 200 davon. 1997 begann Hannah Stippl damit zu experimentieren, sich langsam eine individuelle Formensprache damit zu erarbeiten, bis hin zu uns hier heute eindrucksvoll präsentieren Werkserien von Gouachen auf Papier, großformatigen Leinwandbilder und auch Rauminstallationen.

Hannah Stippl arbeitet dabei stets in Serien, dies ergibt sich zum Einem aus rein technisch pragmatischen Gründen, andererseits braucht es einen so die Künstlerin Anfang und ein serielles Arbeiten, um sich in ein Thema einzuarbeiten und die Möglichkeiten der künstlerischen Umsetzung auszuloten. Hier sehen wir die Serie mit dem Titel horizont, die 2002 entstand.

Die farbliche Intensität ihrer Bildflächen besteht darin, die Farben nicht nur nebeneinander zu walzen, sondern in zahlreichen Schichten übereinander zu legen und diese mit den dazu gemalten Schichten so dicht es geht mit einander zu verweben. Die transparenten Lasuren ermöglichen das Hindurchscheinen unter Farbschichten, opake Felder, lassen Farbe wieder verschwinden, indefinite neue Farbräume entstehen. Wenngleich Wahrnehmungen von Landschaft, konkret hier einem von der Künstlerin seit vielen Jahren bereisten Landstrich von Spanien, den Bildern zu Grunde liegen, löst sich die Malerei davon sich dieser Wirklichkeit in mimetischer Weise anzunähern bzw. Illusion von Realität aufrecht zu erhalten. Die Künstlerin intendiert dabei sehr bewusst die Möglichkeiten mehrdeutiger Lesbarkeit für den Betrachter. Als Reflexionen von Licht an der Wasseroberfläche, als Blumenwiesen, Strauchgeflecht, als Webmuster, im Sinne des Textilen oder eben als rein malerische Struktur. Von Landschaft wird das Atmosphärische wiedergegeben, was sich auch in der bewussten Auswahl der Palette ausdrückt. So findet sich in der Serie keine reines Rot, weil es dass einfach so laut Hannah Stippl in dieser Landschaft nicht gibt. Landschaften oder auch Sounds, Atmosphärisch Wahrgenommenes im Allgemeinen liegen auch der zweiten in der Ausstellung gezeigten Serie Böschung, ebenfalls 2002 entstanden zugrunde. Landschaftliche Eindrücke verändern die Palette. Die Arbeitsreise durch Californien von Santa Monica nach Santa Fé , lies rosa schon fast pink in den Vordergrund treten und Musterwalzen mit Palmenmotiven kamen zum Einsatz, die sich selbstverständlich bereits im Fundus der Künstlerin befanden.

Hinweisen möchte ich auch auf die gerade im Entstehen befindlichen Arbeiten. Serien von jeweils drei Bildern dicht aneinandergehängt, als horizontales Band. Architektonische Strukturen, weite Horizonte und Walzenformationen an undurchdringliches Dschungeldickicht erinnernd oder das was man sich weitläufig darunter vorstellt, werden neben einander gesetzt. Anstelle der dicht gewebten Struktur, tritt nun der Wechsel von freier, monochrom gemalter Fläche durch die blass wie eine Erinnerung Walzenmuster hindurch scheinen zu dichten schwarzen Ballungsräumen.

Nun haben wir die Künstlerin als Malerin kennen gelernt, doch ist es mir auch sehr wichtig darauf hinzuweisen, dass Hannah Stippl selbst in vielen Projekten kuratorisch tätig ist, sei es im Rahmen eines Austausches zwischen so unterschiedlichen Kulturen wie dem Oman und Österreich oder als Kuratorin für die IG Bildende Kunst.
Gerade in diesem Zusammenhang ist erst vor kurzem eine in die Zukunft weisende Zusammenarbeit mit einer ähnlich aufgebauten Künstlervereinigung in Budapest geschlossen worden. Oder ihr eigener Raum POOL in Wien der seit 2003 Raum bietet für österreichische und vor allem internationale Künstler und Künstlerinnen. Erinnert sei auch an die gemeinsam mit Lorenz Saidler gestalteten T-Shirts Resistence Where zum Auftakt der neuen Koalition in Österreich.
Auch in ihn der Gruppenausstellung "Abschreckung" in Steyr an der die Künstlerin teilnimmt, die bereits am 27. Mai eröffnet, stellt Hannah Stippl ihre Malerei ganz konkret in den Kontext einer gesellschaftskritischen Position und arbeitet basierend auf ihren Walzenstrukturen mit militärischen Camouflagemustern und Text. Ihre Arbeit im Arbeits-und Ausstellungsraum pool konfrontierte die Künstlerin nicht selten mit der Endlichkeit österreichischer Behörden im Falle von Visumsanträgen. Nun entstand daraus ein Spiel Europoly - The European Idendity Trading Game.

Wie ich eingangs erwähnt habe, ist auch das Oeuvre von Hannah Stippl ein Beispiel dafür dass Malerei eine von vielen Ausdrucksmöglichkeiten einer jungen vitalen Künstlerschaft is, wenngleich es für Hannah Stippl immer noch ein zentrales Medium bleibt. Eines mit einer großen Bandbreite. Von einer selbst referenziellen Malerei durch das spezielle Verfahren des Pigmentauftrages, bis zur Thematisierung gesellschaftliche Codierungen im Hinblick auf die Wandmalerei, die sowohl für Geschmackfragen, jedoch auf für gewisse Schichten und Zinshäuser in Wien und anderen geographischen Orten stehen, als dass sie zu guter Letzt wollte man sie auf den Inhalt reduzieren zeitgenössische Umsetzung der Landschaftsmalerei zeigen, jenseits der heute auch wieder modernen narrativen, illustrativen Position. Doch all dies bestätigt, was der Literaturnobelpreisträger und Maler Geo Xingjian in seinen „Gedanken zur Malerei“ bekannte: "Ob Kunst mehr ist als leeres Gerede, entscheidet sich an der Oberfläche des Bildes".