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urban Camouflage von Hannah Stippl

Urban Camouflage
von Hannah Stippl

Die Serie "urban camouflage_04" entstand im Winter 2003/2004. Der vorliegende Text, ein Konstrukt aus Zitaten, Prognosen, Plänen und Willenserklärungen, unternimmt den Versuch, mehr als ein Jahr nach der Fertigstellung der Bilder das Umfeld der Arbeiten offen zu legen und die damaligen Recherchen wieder aufzunehmen und weiterzuführen.

Paul Kern oder ein General muss ein erfolgreicher Unternehmer sein,
um ein erfolgreicher General zu sein


"If we are really good - and we are - the soldier of 2025 will be as effective as the tank of 1995."2

If we are really good. Für Paul Kern, Commanding General des Army Materiel Command (AMC), ist das Auftrag und Programm, - and we are. William Perry sagt über ihn: "Paul is what I mean when I talk about a warrior-technologist." 3 Keiner kennt den Markt so gut wie er. Noch einmal William Perry: "The technologies he will test promise to revolutionize how we fight on the ground and ensure that we remain the world's dominant land force well into the next century." 4 Paul Kern hat Erfahrung: Einsätze in Vietnam, Haiti, Ruanda, Zaire, dem Balkan und Irak. "Ein General muss ein erfolgreicher Unternehmer sein, um ein erfolgreicher General zu sein." 5  Paul Kern ist erfolgreich. In seiner Zuständigkeit für Ausrüstung, Versorgung und Nachschub der Truppen ebenso wie in seiner Zuständigkeit für die Forschungs- und Entwicklungstätigkeit der US Army. Er hatte maßgeblichen Einfluss auf die Rüstungsbeschaffung und die Entwicklung des Future Combat Systems (FCS): "To support the Army’s goal to field an affordable system capable of overwhelming lethality, strategic deployability, self-sustainment, and high survivability." 6, jenem Programm, das unter anderem die Priorität der militärischen Operationen im urbanen Gebiet festschreibt.

Im November 2004, ein halbes Jahr nach der Fertigstellung der Serie "urban camouflage_04", beendete General Paul Kern seine mehr als 40-jährige Karriere in der US Army, nicht um sich zur Ruhe zu setzen, sondern um die Seiten zu wechseln. Mittlerweile ist er gern gesehen und viel beschäftigt in den Vorstandsetagen von Rüstungs- und Lobbyingfirmen:

Im Jänner 2005 wurde er in den Vorstand der EDO Corporation gewählt.7

"EDO Corporation provides military products and professional services to the United States and allied governments, and their prime defense contractors. EDO focuses on systems and subsystems that are integral to the success of long-term military platforms, such as the B-1B bomber, the F/A-22, the Joint Strike Fighter, and the Los Angeles and Virginia-class submarines."8

Im Februar 2005 teilte Anteon International Corporation die Wahl Paul Kerns in den Vorstand mit ... 9

"From secure access control solutions for government facilities and computer networks, to "smart" counterfeit-resistant ID cards, to the latest in border control and transportation security, Anteon authentication systems protect our nation’s most valuable assets. When the government needs to know who’s a threat to national security, they turn to Anteon."

Im April 2005 wurde Paul Kern Vizepräsident und Berater für Homeland Security und Nationale Verteidigung bei Battelle Science and Technology International. 11

"Battelle is the most trusted name in chemical, biological, radiological and nuclear (CBRN) defense—from responsibility for protecting the Pentagon and other vital facilities in the nation’s capital to supporting military joint programs and National Guard Civil Support Teams training in weapons of mass destruction (WMD) defense."12

Ebenfalls im April 2005 übernahm er die Aufgabe eines Senior Counselor der Cohen Group, einer Firma, die 2001 von William Cohen, dem Verteidigungsminister der Regierung Clinton, gegründet wurde.

 

 


"The Cohen Group is currently comprised of 35 professionals who have many decades of combined experience working in top-level positions in Congress, the White House, the State Department, the Defense Department, the Department of Homeland Security, the Intelligence Community, the Overseas Private Investment Corporation, other Federal agencies, the World Bank and in European and Asian governments.

The Cohen Group provides its clients the insights and intelligence needed to better understand and shape the business, political, legal, regulatory, and media environments in which they operate. This includes both developing strategic business plans to help clients achieve their objectives and actively participating with clients in the execution of those plans. The Cohen Group practice groups include Aerospace & Defense; Homeland Security; China; Information Technology; Telecommunications; Bio-technology; Strategic Communications; Transportation & Logistics; Financial Services & Investment; Real Estate; and Agriculture, serving clients in North America, East Asia, South Asia, Europe, Russia, Australia, Africa and Latin America."13

Paul Kern ist keine Ausnahme. Der Wechsel aus staatlichen oder militärischen Spitzenpositionen in die Führungsebenen der Privatwirtschaft ist längst Alltag und zahlt sich für beide Seiten aus. Das Geschäft der Lobbyisten hat sich in den letzten Jahren vervielfacht, ebenso wie die möglichen Gewinne der Auftrag gebenden Firmen. "We’ve got a revolving door going on," so beschreibt John Edwards den Mechanismus "You know these people work for you, they work for the government, and then they leave the government and join a lobbying firm and start lobbying the same people that they just worked with." Gesetzliche Beschränkungen wie der 1978 Ethics in Government Act, der Lobbyingaktivitäten im früheren Arbeitsbereich für ein Jahr untersagt, werden dabei meist umgangen, indem in der Zwischenzeit an anderen Stellen gearbeitet wird. Der Schluss für Paul Kern ist einfach. Ein Unternehmer muss ein erfolgreicher General sein, um ein erfolgreicher Unternehmer zu sein.



Military Operations in Urban Terrain (MOUT)15 oder der Häuserkampf in Städten als dominante Kernfähigkeit der Zukunft 16

"One of the greatest challenges is to conduct Military Operations in Urban Terrain (MOUT).."17


Das US-Militär agiert zunehmend im innerstädtischen Straßenkampf, ohne wirklich darauf vorbereitet zu sein. "Seit langem ist bekannt, dass Städte als Konfliktraum immer bedeutsamer werden. ... In den von den US-Streitkräften während der letzten 20 Jahre ausgetragenen Konflikten wurde bereits in 80% der Fälle auch in städtischen Umgebungen gekämpft. Fast 40% der Konflikte fanden ausschließlich dort statt."18

"Human population continues to grow rapidly troughout the world and in undeveloped countries the growth is exponential. According to some estimates, 75% of the world will live in urban areas by the year 2005."

Hoher urbaner Bevölkerungszuwachs und wuchernde Ballungsräume mit Industrie und Medienzentren, vor allem in unentwickelten Ländern, bewirken den Analysen des Militärs zufolge das Zunehmen der Kampfhandlungen im innerstädtischen Bereich. Fast schicksalhaft scheinen sich Konflikte zu verlagern. Argumentativ ausgespart bleibt die zunehmende Asymmetrie der Konflikte. Die vorherrschende Vorstellung vom Krieg ist, zumindest in Europa, durch symmetrische Kriege geprägt. Sie sind, laut Münkler19, durch die Gleichartigkeit der Konfliktparteien gekennzeichnet, insbesondere in Bezug auf die Bewaffnung und Ausrüstung der Streitkräfte, die Rekrutierung und Ausbildung der Soldaten, die militärische Logistik und schließlich die politische Logik des Gebrauchs der Gewalt. Die wechselseitige Wahrnehmung dieser Gleichartigkeit ist zugleich die Voraussetzung für die strikte Separierung von Kombattanten und Non-Kombattanten – die wohl wichtigste zivilisierende Errungenschaft des Kriegsvölkerrechts.

"The urban battlefield is like no other because of its crowdedness, large variety of challenging features, and wide variability from location-to-location throughout the world."

Charakteristisch für die neuen Kriege ist die Erosion der Unterscheidung zwischen Kombattanten und Non-Kombattanten, ebenso wie die Erosion der Unterscheidung zwischen Krieg und Frieden oder zwischen Kriegsgebiet und vom Krieg nicht betroffenen Gebieten. Die Auflösung der territorialen Zuordenbarkeit bedingt eine Verlagerung von Konflikten in urbane Zusammenhänge, sei es in Form terroristischer Attacken oder den Angriffen der USA im Irak, auf Städte wie Nadschaf oder Falludscha.

"Während die ländlichen Räume in Irak militärisch gesehen weitgehend problemlos und schnell erobert wurden, stockten die Dominanzbestrebungen der Truppen in den Städten, in denen Widerstand geleistet wurde, erheblich."20

Überlegenheit ist notwendig für postheroische Gesellschaften wie den USA, in denen Kriege wie erfolgreiche Investitionen beurteilt werden, die möglichst kurzfristig mit wenig Risiko hohen Ertrag einfahren müssen.

"Now that we have experienced dominance we like it. And we plan to keep it."21

"Die hoch entwickelten und reichen Länder, insbesondere die USA, treiben den Prozess der Modernisierung ihrer Streitkräfte nicht darum voran, weil sie durch symmetrische Konkurrenten dazu gezwungen würden, sondern weil die eigene Gesellschaft die Anforderungen an Kriegsführungsfähigkeit so sehr angehoben hat, dass das Militär nur bei asymmetrischer überlegenheit ein Instrument der Politik bleibt. Dementsprechend muss permanent in eigene Rüstungssysteme investiert werden, um bei minimalen eigenen Verlusten interventionsfähig zu bleiben."22

Der Häuserkampf im urbanen Gebiet ist so gesehen ein Rückschlag für eine Doktrin, die auf überlegenheit durch Distanzwaffen zählt, um für den Gegner möglichst unsichtbar und unangreifbar, weil außer Reichweite, und damit unverwundbar zu sein. Das Konzept der Unsichtbarkeit können im urbanen Umfeld die eigentlich asymmetrisch schwächeren, aber ortskundigen und in der zivilen Bevölkerung aufgehenden Gegner für sich in Anspruch nehmen. Daraus resultiert die hohe Priorität der Anstrengungen der US Armee, in Ausrüstung und Ausbildung auf Military Operations in Urban Terrain (MOUT) vorbereitet zu sein. Die Vision für die Zukunft ist klar: Krieger so unzerstörbar wie Superman und so unsichtbar wie Predator.

"Urban backgrounds generally require more straight edge camouflage, vertical and horizontal designs to blend with home, buildings and other urban structures."

Aber dafür fehlt es an geeigneter Ausrüstung und vor allem Tarnung. Mit ihren Kampfanzügen ist die Armee wortwörtlich im Dschungel geblieben. Die Uniformen mit Fleckenmuster, egal in welcher Farbe, machen die Soldaten auf Straßen und in Hinterhöfen für den Feind leicht sichtbar. Abhilfe sollen neue Forschungsansätze aus Militär und Privatwirtschaft schaffen. Das Ziel ist ein Kampfanzug, der die Soldaten und ihre Ausrüstung nahezu unsichtbar macht und gleichzeitig resistent gegen ballistische oder chemische Waffen ebenso wie gegen Feuer ist.

Der Soldat im Wohnzimmer oder Urban Camouflage, ein (Forschungs-)Auftrag

Camouflage colors and patterns in a combat uniform fabric must provide the least amount of contrast between the soldier and his background. Part of providing low contrast to the background is the ability to break up or distort those recognizable features of the soldier, his silhoutte and his outline.
Urban camouflage combat uniforms must be effective across the widest variety of urban environments.

"Es ist schwer zu sagen, wie viel die US-Regierung derzeit in die Tarn-Technik investiert - entsprechende Ausgaben fallen in den so genannten "schwarze Etat" in Höhe von derzeit insgesamt rund 26,1 Milliarden Dollar (18 Prozent) des Verteidigungsetats 2005. Insgesamt wurde der Geheimetat für dieses Jahr um sechs Milliarden Dollar aufgestockt, sagt ein Militär."

"Study results suggest that a reversible uniform would offer maximum concealment to the soldier fighting in an urban environment. Such a uniform might have a 2-color developmental pattern printed on one side for daylight operations, while the other side would be printed black for night or inside maneuvers."

Geforscht wird vor allem im U.S. Army Soldier Systems Center, in Natick, Massachusetts, die Ausrüstungsorganisation der Army, wo neue Entwicklungen unter standardisierten Bedingungen getestet werden können.

"Natick’s goal is simple: Provide America’s soldiers with the best equipment in the world. To achieve this goal, the Natick team has consolidated full life-cycle management of soldier items into a one-stop, soldier support organization."24

Wirksame Camouflage für den Kampfeinsatz ist überlebenswichtig. In aufwendigen und gut finanzierten Forschungsprogrammen wird in Natick an der Camouflage der Zukunft, das heißt an der urban oder multi-environment camouflage geforscht. "After all, you can't hit what you can't see. Better not to get shot or even shot at, at all, than to have to rely on your body armor, no matter how advanced that body armor might be.25

"In addition to reversible urban camouflage, the future soldier may have available site-specific, rapidly deployable urban camouflage. Using special alogarithms, an ink jet system will rapidly and accurately design the appropriate disruptive pattern, select the optimum color combination and print the fabric for the specified urban terrain."

Die Forschungsergebnisse variieren dabei innerhalb eines weiten Spektrums. Von doppelseitigen Kampfanzügen über Entwicklungen wie Multicam26, eines Musters, das in unterschiedlichen Situationen durch möglichst weit gehende Reflexion der Umgebungsfarben funktioniert, bis hin zu Stoffen, die sich mit Hilfe der Nanotechnologie chamäleonartig der Umgebung anpassen.
Aufträge an die beteiligten Firmen sind schon vergeben. Nicht nur von Seiten der US Army, sondern auch von Private Military Companies wie Blackwater, die ihre eigene Uniform, "blackwater gear", entwerfen ließen.

"The 21st Century soldier will face battlefield challenges that are more complex and greater in number than ever before."

Thomas Friedman schrieb in der New York Times 1999 mit seltener Offenheit und offenbar ohne negative Vorbehalte: "Damit die Globalisierung funktioniert, muss sich Amerika nicht fürchten, als die allmächtige Supermacht aufzutreten, die sie ist. Die unsichtbare Hand des Marktes funktioniert nicht ohne die unsichtbare Faust. McDonald’s kann nicht blühen ohne McDonnell-Douglas, den Designer der F-15, und die versteckte Faust, die die Welt für die Technologie aus Silicon Valley sicher macht, heißt Armee der Vereinigten Staaten, Luftwaffe, Marine und Marines." Oder, um mit Boeing zu sprechen: "Future Combat Systems. One Team – the Army/Defense/Industry"28.
Das Geschäft geht weit über Rüstung, Ausrüstung und Versorgung hinaus. Nicht umsonst definiert sich die Cohen Group als Spezialist für den Aufbau im Irak. Zu ihren ersten Erfolgen zählt der Abschluss eines Vertrages über $ 80 Millionen zur Sicherung der irakischen Ölfelder für Nour USA.29 So gesehen sind die Erfolge der US Army leicht zu erkennen: Ein Krieg muss ein erfolgreiches Geschft sein, um ein erfolgreicher Krieg zu sein.

 

 


02 ) http://www.afcea.org/signal/articles/anmviewer.asp?a=783 kursiv geschriebene Texte befinden sich auf den Bildern.
03 ) Commencement Remarks by Secretary of Defense William Perry, US Military Academy, West Point, June 1, 1996, S2
04 ) www.defenselink.mil/releases/1996/b060396_bt322-96.html
05 ) Lock, Peter: Zur Zukunft des Krieges. In: Krieg an den Rändern, Hg. Becker, Hödl, Steyrer, Wien 2005, S104
06 )dazu: www.boeing.com/defense-space/ic/fcs/bia/flash.html und www.army.mil/fcs/
07 ) www.edocorp.com/pr2005/05r0126.htm
08 ) www.edocorp.com/CorporateOverview.htm
09 ) http://phx.corporate-ir.net/phoenix.zhtml?c=130842&p=irol-newsArticle&I=679341&=
11 ) http://nationalsecurity.battelle.org/news/press_release.aspx?id=62
12 ) http://nationalsecurity.battelle.org/capabilities/cbrn_wmd.aspx
13 ) www.cohengroup.netl
15 ) www.globalsecurity.org/military/ops/mout.htm
16 ) Lange, Sascha: Falludscha und die Transformation der Streitkräfte. Häuserkampf in Städten als dominante Kernfähigkeit der Zukunft? Diskussionspapier der Forschungsgruppe Sicherheitspolitik, Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin 2005
17 ) ebenso folgende: www.fas.org/man/dod-101/sys/land/docs/warrior_96_may_camo.htm
18 ) Lange, Sascha: Falludscha und die Transformation der Streitkräfte. Berlin 2005, S 3f
19 ) www.entwicklungspolitik.org/index_14665.htm
20 ) Lange, Sascha: Falludscha und die Transformation der Streitkräfte. Berlin 2005, S 4
21 ) www.defenselink.mil/releases/1996/b060396_bt322-96.html
22 ) Münkler, Herfried: Asymmetrische Kriege. In: Krieg an den Rändern, Hg. Becker, Hödl, Steyrer, Wien 2005, S70f
24 ) www.natick.army.mil/about/index.htm
25 ) www.defensereview.com/modules.php?name=News&file=article&sid=568
26 ) www.multicam.com
28 ) www.boeing.com/defense-space/ic/fcs/bia/flash.html
29 ) www.motherjones.com/news/outfront/2003/11/ma_556_01.html