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Hartwig Knack

... no fear! Neue Bilder von Hannah Stippl
von Hartwig Knack


"Wild gewordene Blümchentapeten, mit Walzen aufgetragene Muster und Wiesenstücke ohne Horizont und ohne Rettung. Auch die Idylle kann zur Schreckensvision werden." (Martin Praska, 2002)

Seit einigen Jahren verwendet die Wiener Künstlerin Hannah Stippl Musterwalzen aus Gummi als strukturellen Ausgangspunkt für ihre Malerei. In früherer Zeit wurden mit solchen Walzen florale und ornamentale Muster auf Wände von Stiegenhäusern, Küchen oder Salons aufgetragen. Hannah Stippl nutzt diesen ehemals gutbürgerlichen, aus heutiger Sicht vielfach die heile Welt assoziierenden Wanddekor zur engagierten künstlerischen Stellungnahme.

Die innerhalb von etwa zweieinhalb Monaten (Anfang November 2004 bis Mitte Januar 2005) entstandene Serie 'position desired_05' (Anstellung gesucht, gewünschte Position) beschäftigt sich mit Stellengesuchen für Jobs in Bereichen der Security- Branche und Privatarmeen, wo hoher Verdienst mit hohem Risiko verknüpft ist. Die entstandenen zehn großformatigen Leinwände sind von Hannah Stippl speziell für ihre Einzelausstellung „ … no fear!“ in der Factory der Kunsthalle Krems angefertigt worden.

Kombiniert mit Textzitaten aus im Internet vorgefundenen Annoncen spricht die Künstlerin in dieser Arbeit ganz konkret aktuelle politische Themen an, lenkt den Blick auf den fragilen Zustand unserer Gesellschaft und scheut sich nicht, damit an unausgesprochenen Tabus und Verboten zu rütteln. In den von Hannah Stippl ausgewählten Stellenanzeigen bieten sich Arbeitsuchende als Security-Guards und Söldner für Funktionen in Kriegs- und Krisengebieten an. Zu den im Vordergrund stehenden Fähigkeiten, die den größtenteils Erwerbslosen im Wettbewerb um Arbeitsstellen als Güte- und Qualitätskriterien gereichen, zählen Kriegserfahrung, Kenntnisse im Umgang mit verschiedenen Waffengattungen, Tötungsbereitschaft, Skrupellosigkeit und Brutalität. So liefert mit dieser Bilderserie einen erschütternden Einblick in das Spektrum des Wahnsinns gegenwärtiger „moderner“ Kriegsführung. Ihre Bilder lassen hinter die Dinge sehen, legen einmal mehr offen, dass Gewalt und Grausamkeit in unserer Zeit längst eine globale Dimension erreicht haben, zum Alltag gehören und als Teile unserer Zivilgesellschaft gelten müssen. Bruchstücke aus den erwähnten Anzeigentexten (hier in der deutschen Übersetzung) lassen bereits das Ausmaß dieses Themas spürbar werden; eine ihrer Arbeiten zuweilen ungerechtfertigt nachgesagte Idylle ist brüchiger denn je:

•  „Bereit auszurücken und zu feuern.“ (Chris Watson, Texas)
•  „Gehe überall hin … mache alles!“ (Carry MacNeill, Kanada)
•  „Ich bin bereit (im Irak) zu arbeiten, je mehr Risiko, desto besser.“ (Angela Boyd, Ohio)
•  „Führe Befragungen von feindlichen Kriegsgefangenen durch. Kann mit unterschiedlichsten Waffen umgehen.“ (Roy Repasky, Texas)
•  „Möchte jetzt töten. Gott schütze unseren Präsidenten!“ (Daviechan, Washington, DC)


Collage, Ornament und Realität

Stippls neue Arbeiten ziehen die Betrachter hinein in ein flimmerndes Flechtwerk aus Vegetation, Schrift und Ornamentik. Auch wenn die vegetabilen Muster alles, was sie erfassen in ein visuelles Vergnügen verwandeln, geht es in ihren Bildern grundsätzlich um mehr als nur um ein Spiel mit Farben, Text und Formen. Meist in typischen militärischen Tarnfarben gehalten, schwingen in den sorgfältig ausgeführten und detailliert arrangierten Strukturen und Blütencollagen immer auch Begriffe wie Täuschung, Vertuschung, Beschönigung oder Schönfärberei mit.

 

 


Kombiniert mit den applizierten Texten bekommen Muster und Ornamente unvermittelt einen konkreten allegorischen oder symbolischen Gehalt. Stippl versucht hier das Prinzip der Collage nicht primär als technisches Verfahren zu begreifen. Hingegen verfolgt sie auf diese Art und Weise die Absicht, Wirklichkeiten ein Stück näher zu kommen. Als „Kritischer Realist“ stellt sie Zusammenhänge her, interpretiert einzelne Phänomene als Details umfangreicher Prozesse und appelliert an das Urteilsvermögen der Betrachter. Ihre Bilder sind dialogische Bilder. Sie stellen Bedeutungszusammenhänge her, werfen Fragen auf, um zur Beantwortung beitragen zu können, stellen Dinge zur Diskussion, um Klarheit darüber zu erzielen. Die Absolventin der Wiener Hochschule für Angewandte Kunst berichtet von Realitäten, die uns alle mehr oder weniger betreffen oder betroffen machen, bezieht Stellung zu den Ereignissen, auf die sie sich beruft, indem sie die Belege (die Stellenannoncen), die sie zum Nachweis der Authentizität verwendet, offen legt. Betrachter ihrer Arbeiten sind aufgefordert, jederzeit in die Diskussion einzusteigen.

Durch den Kunstgriff der Verquickung von ornamentalen Mustern und Textpassagen gelingt die Befreiung des Ornaments von seiner nur schmückenden Funktion. Dieses Zusammenspiel gewährleistet letztendlich den Realitätscharakter der zuvorderst abstrakt-ornamental anmutenden Bilder. Die Muster vermögen plötzlich in ihrer Abstraktion eine facettenreiche Inhaltlichkeit zu transportieren, übernehmen die Funktion eines Sinnträgers moralischer, sozialer und politischer Vorstellungen.

Im Rahmen dieses Spannungsfeldes verzichtet die Künstlerin in ihrer Aussage aber bewusst auf politische Embleme oder andere allgemein bekannte Symbole der Alltagswelt, um ihr Anliegen auf den Punkt zu bringen. In der Tradition der Antikriegskunst stehend, agiert sie vergleichsweise ausgesprochen subtil. Tatsächlich Erlebtes oder Visionen vom Inferno eines Krieges wie etwa im Werk eines Otto Dix, George Grosz, Pablo Picasso, Leon Golub oder Duane Hanson, sind nicht zu finden. lässt in ihrer Arbeit zwar mögliche Kriegshandlungen und Greueltaten erahnen, nennt sie jedoch weder beim Namen noch zeigt sie sie explizit. Sie setzt hingegen auf die enorme subversive Kraft ihrer Bilder, die darin begründet liegt, dass sie oberflächlich vorgeben harmlos zu sein, um sich zu gegebener Zeit in einem Überraschungseffekt und mit aller Kraft lautstark Gehör zu verschaffen.