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Nora Sternfeld & Ljubomir Bratic, Alles möglich.6

Alles möglich.
Nora Sternfeld & Ljubomir Bratic


1. ALLES MÖGLICH_06

2000 Inserate: Angebote für Dienstleistungen. Angebote, die Selbstbeschreibungen sind. Auf schwarzem Grund. Hannah Stippl sammelt seit Jahren Inserate, in denen Jobangebote gemacht werden, anonymisiert sie und tippt sie auf Karteikarten ab. Indem sie den genauen Wortlaut übernimmt, arbeitet sie an der Bestandsaufnahme einer Realität. Sie entzieht sich dabei der Position der sozialwissenschaftlichen Beobachtung, bei der "Objekte" kategorisiert, zu "Fällen" erklärt und beurteilt werden. Sie führt niemanden vor, sammelt einfach was vorzufinden ist und formuliert wurde. Mit konzeptuellen Mitteln findet hier mehr als eine bloße Anhäufung von Material statt. Die konzeptuelle Präsentation und die Masse der Inserate lassen Strukturen hervortreten, sie ermÖglichen eine Untersuchung. Mit dem Untertitel von Bourdieus "Elend der Welt" gesprochen, ist das, was auf diese Weise zum Vorschein kommt, eine Präsentation von "Zeugnissen alltglichen Leidens an der Gesellschaft".

Hannah Stippls Arbeit entzieht sich dabei der Sensation. Sie bewegt sich im Alltag und dessen Abgründe haben gar nichts Sensationelles. Diese Abgründe sind trist, belanglos, schal. Aus den Inseraten spricht Normalität. Die herrschende Normalität, die gemeinhin aus Verdeckung besteht. Eine angeblich sichere Ebene, wo Konsens herrscht. Inserate sind ein Mittel bestimmte in unserer Gesellschaft zulässige Angebote zu machen. Diese Anzeigen erscheinen täglich. Hier werden sie gesammelt, ihrer Vereinzelung enthoben und zusammengeführt. Bei genauerer Betrachtung tritt in der Masse der Anzeigen die strukturelle Gewalt zutage: Es sind Angebote der Selbstausbeutung. Hinter jedem dieser Inserate steht eine Lebensgeschichte. Eine Person, die sie formuliert und die Anzeige aufgegeben hat.

Die Selbstbeschreibungen entstehen in einer ganz bestimmten gesellschaftlichen Situation, die seit einiger Zeit mit dem Wort "Prekarität" zusammengefasst wird. über Prekarität sagt Pierre Bourdieu, dass sie "die Zukunft überhaupt im Ungewissen lässt" und damit "den Betroffenen gleichzeitig jede rationale Vorwegnahme der Zukunft und vor allen Dingen jedes Mindestmaß an Hoffnung und Glaube an die Zukunft, das für eine vor allem kollektive Auflehnung gegen eine noch so unerträgliche Gegenwart notwendig ist",1 verwehrt. Was ist mit der Zukunft los? Was ist passiert, dass die Zukunft, im Unterschied zu den Generationen unserer Eltern, vor uns wie eine Abfolge des Zufalles erscheint?

Davon steht nichts in den Inseraten. Ebenso wenig wie von der Möglichkeit und UnMöglichkeit politischer Organisation unter den Bedingungen von Flexibilisierung, Ausbeutung, Illegalisierung und Kriminalisierung. Und doch legen die Fülle der Anzeigen und das System ihrer Anordnung Strukturen offen, jene Strukturen, die hinter der Masse der Angebote stehen. Strukturen, die solche Angebote produzieren, innerhalb derer Ausbeutung stattfindet, Handlungsmomente entstehen und überlebensstrategien entwickelt werden. Welche Strukturen sind das?

2. SUCHE DRINGEND EINE ARBEIT. ICH BIN BEREIT JEDE ARBEIT ANZUNEHMEN
Prekäre Arbeitsverhältnisse

Die ursprüngliche Wortbedeutung von prekär ist nicht nur unsicher und unbeständig, sondern auch: "auf Bitten erlangt" oder "aus Gnade gewährt". Die Zahl derer, die mehr und mehr bereit sind, alles anzubieten, nur um zu Geld zu kommen, wächst an. Was dabei geschieht, ist eine Verschränkung von Flexibilisierung und Ausbeutung. Prekarität bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur unsichere Beschäftigung und geringe Entlohnung. Prekarität als politischer Begriff gebraucht, steht für Lebens- und Arbeitsverhältnisse, die ohne jegliche Absicherung bestehen, ohne Rechte zu garantieren. 2Eine zunehmend große Gruppe von Menschen lebt in einer Situation ständiger Unsicherheit, die ihnen weder eine Gegenwart noch eine Zukunft zu meistern oder zu planen ermÖglicht. Damit einher geht die Verunmöglichung klassischer politischer Organisation im Arbeitskampf. Denn wen außer sich selbst können die prekären ArbeiterInnen bestreiken, wenn sie ihre Arbeit aussetzen? "Prekäre Arbeit" betrifft alle jene Formen der flexibilisierten Ausbeutung illegalisierter, saisonaler oder temporärer Beschäftigung, über Heim-, Zeit- oder Leiharbeit bis zu so genannten selbstständigen Subunternehmen oder Ich-Ag's.3 Besonders betroffen davon sind Arbeitszweige im Dienstleistungssektor wie Haushalt, Transport und Pflege. Aber auch die Lebenssituation der Gruppen, die in der Industriegesellschaft einen zentralen Platz eingenommen haben, wird unsicher: es wächst die Unsicherheit unter der im Wachstum integrierten und depolitisierten Arbeiterklasse, auch manche Gruppen von Angestellten sind betroffen und vor allem werden in Zukunft die gering Qualifizierten und die jungen ArbeitnehmerInnen mit Lehre kaum eine Chance auf langfristig gesicherte Existenz haben. Wie kommt es zu diesen Verhältnissen, in denen Arbeit mit keinerlei Garantien verbunden ist und geradezu zur "Gnade" umdefiniert wird?


 

 

 

3. ERFOLGREICHE VERKäUFERIN AUS DER TOURISMUSBRANCHE
WORTGEWANDT KUNDENORIENTIERT GUTE UMGANGSFORMEN MÖCHTE ARBEITEN
Prekarität erreicht den Mittelstand.

Aus einer bestimmten Perspektive sehen wir uns mit einer massiven Veränderung der Arbeitsverhältnisse konfrontiert. Während prekäre Arbeit bisher weitgehend marginalisierte gesellschaftliche Gruppen und Ausbeutungsverhältnisse im globalen Süden unter post- und neokolonialen Bedingungen betraf, wird sie zunehmend in westlichen Ländern und für gesellschaftliche Schichten die Regel, die vormals gesicherte Arbeitsbedingungen hatten. Die gegenwärtige Situation ist durch eine Unruhe gekennzeichnet, die sich nicht zuletzt auf dem Sektor der Lohnarbeit abspielt. Dazu gehört die Massenarbeitslosigkeit genauso wie die Umstrukturierung der klassischen Systeme der sozialen Sicherung.

Seit einiger Zeit findet eine zunehmende Schwächung des Staates statt. Einerseits durch die Akkumulation von Bedürfnissen und Forderungen derer, die nicht dazu gehören, z.B. der MigrantInnen oder der Frauen. Andererseits mit dem gleichzeitigen Aufstieg lokaler Gewalten sowie supranationaler Einheiten wie der EU und die zunehmende Globalisierung der Wirtschaft, die ihren eigenen Spielregeln folgt. Entlang dieser Linien spielen sich die gegenwärtigen Definitionskämpfe darüber ab, was Lohnabhängigkeit und Arbeitsverhältnisse genannt wird. Die Definition wird in einem schwer zu erreichenden Konsens zwischen Innenpolitik (nationalistischer Aufschrei) und Außenpolitik (Wettbewerbsfähigkeit, Leistungsfähigkeit, Neokolonialismus) erkämpft. In diesem Kampf der eben nicht mehr nur entlang der Klassenlinien, sondern entlang der Geschlechtslinien, der ethnischen und religiösen Linien und auch entlang von Keynianismus und Neoliberalismus geführt wird, wird definiert und durchsetzt was allgemein "prekäre Arbeitsverhältnisse" genannt wird. Der Schein einer von Konsens getragenen Gesellschaft – in der Arbeit für die Mehrheit "funktioniert"– ist gebrochen und wir stehen vor einer Periode der Umwälzungen.4 Der Nullpunkt dieser prekären Arbeitsverhältnisse sind die neuen überzähligen und Ausgeschlossenen. Die Unsicherheit, eine bisher gängiges Charakteristikum jedweder migrantischen Biographie, ist zurückgekehrt. Sie wird zur Mehrheitserzählung der heutigen Gesellschaften. Die früheren Unterscheidungsmerkmale zwischen "gewanderten" und "sesshaften" Arbeitskräften basierten auf einer spezifischen Stellung der MigrantInnen in der Gesellschaft. Diese auf Rassismus basierende Stellung der minderen (oder vÖllig ausbleibenden) rechtlichen, politischen und sozialen Sicherung der MigrantInnen wird zur Zeit stärker als allgemein zugegeben wird, auf andere – durch ihre ZugehÖrigkeit zur MehrheitsbevÖlkerung bisher "gesicherte" – ArbeiterInnen ausgedehnt. Womit wir es zu tun haben, ist eine Umgestaltung der Arbeitsverhältnisse, die auch deren "Migrantisierung" genannt werden kann.

Von einer Prekarisierung zu sprechen, heißt daher gewissermaßen eine ganz bestimmte Perspektive einnehmen: Prekäre Arbeit war und ist für einen Teil der Gesellschaft die Regel. Für diese Teile "prekarisieren" sich die Arbeitsverhältnisse nicht. Nun kommen jedoch auch Teile der Mehrheitsgesellschaft in jene Arbeitsverhältnisse, in denen MigrantInnen schon immer waren. Prekarität erreicht den Mittelstand und wird endlich zum Thema. Es ist nämlich in unserer kapitalistischen Gesellschaften keineswegs üblich, dass die Lebensbedingungen all jener, die nicht so viel besitzen um ihre Existenz sichern zu können, ins Blickfeld des allgemeinen Interesses rücken. Die Trennlinie zwischen den EigentmerInnen und NichteigentümerInnen wird wieder einmal in die Geschichte mehr sichtbar.

4. SUCHE ARBEIT
Arbeitslosigkeit und Entwertung

Öffentliche Einrichtungen werden privatisiert, Großunternehmen entscheiden sich für rentableres Outsourcing. Viele Arbeitende verlieren ihre Jobs oder werden unter schlechteren Bedingungen weiter beschäftigt bzw. in kurzfristig finanzierte Qualifizierungsmaßnahmen überführt. Für einen großen Anteil führt das direkt in die Arbeitslosigkeit oder mündet in minder qualifizierte und entlohnte sehr kurzfristige Beschäftigung.

Im Öffentlichen Diskurs der Normierung dieser Realität der Arbeitslosigkeit werden nicht die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt problematisiert, sondern die Arbeitslosen selbst und ihre scheinbar mangelhaften Bewerbungsbriefe und Qualifikationen. Berufsorientierungskurse normieren die Arbeitslosigkeit. Mit Mitteln der Sozialarbeit werden die Arbeitslosen als von Vornherein schuldig betrachtet, als diejenigen, die ihre Unschuld ständig beweisen müssen.

"Gilt vor Gericht normalerweise der Grundsatz "im Zweifel für den Angeklagten", so hat sich hier der Beweislast umgekehrt. Wollen sie künftig nicht nur von Luft und christlicher Nächstenliebe leben, dann müssen die Herausgefallenen jeder Schmutz- und Sklavenarbeit und jede noch so absurde "Beschäftigungsmaßnahme" akzeptieren, um ihre bedingungslose Arbeitsbereitschaft zu demonstrieren. Ob das, was sie zu tun bekommen, auch nur im entferntesten einen Sinn hat oder der schieren Absurdität verfällt, ist dabei vollkommen egal. Nur in pemanenter Bewegung sollen sie bleiben, damit sie niemals vergessen, nach welchem Gesetz sich ihre Existenz zu vollziehen hat.

Früher haben die Menschen gearbeitet, um Geld zu verdienen. Heute scheut der Staat keinen Kosten, damit Hunderttausende in absonderlichen "Trainingswerkstätten" oder "Beschäftigungsfirmen" die verschwundene Arbeit simulieren und sich fit für reguläre "Arbeitsplätze" machen, die sie nie erhalten werden. Immer neue und immer dümmere "Maßnahmen" werden erfunden, nur um den Schein zu wahren, dass die leerlaufende gesellschaftliche Tretmühle bis in alle Ewigkeit in Gang bleiben kann. Je sinnloser der Arbeitszwang wird, desto brutaler soll den Menschen ins Hirn gehämmert werden, dass es kein Brötchen umsonst gibt. (...) Der einzige Sinn dieser Zudringlichkeit besteht darin, möglichst viele Menschen davon abzuhalten, überhaupt noch irgendwelche Ansprüche an den Staat zu stellen und den Herausgefallenen derart widerliche Folterwerkzeuge zu zeigen, dass jede Elendsarbeit vergleichsweise angenehm erscheinen muss."5

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Prekarisierung auch als Entwertung dar. Sie zielt auf die Verringerung des Werts der Arbeit, mit dem Ziel die Abhängigkeitsverhältnisse der Mittellosen zu vergrößern. Die Arbeit ist eben mehr als Lohnarbeit und Nicht-Arbeit mehr als nur Arbeitslosigkeit.6 Durch die Arbeit, die einer nicht hat, wird er entwertet. Nirgendwo sinkt das Selbstwertgefühl so wie durch Arbeitslosigkeit.

 

 

 

5. FLIESENLEGER MALER SUCHT ANGEMELDETE ARBEIT
Es hat nicht immer sozial abgesicherte Verhältnisse gegeben.

Für eine Auseinandersetzung mit den Bedingungen von Arbeit scheint es notwendig darauf hinzuweisen, dass Lohnarbeit keineswegs eine universalgeschichtliche Konstante darstellt. Vielmehr handelt es sich dabei um eine geschichtlich gewachsene Form der Arbeit, die nur eine sehr kleine Periode in der Geschichte der Menschheit ausmacht, nur für einen Teil der Weltbevölkerung galt und in einer engen Verknüpfung mit der Entwicklung des Nationalstaates steht. Die soziale Absicherung von Arbeitenden steht mit konkreten historischen Phänomenen in Beziehung. So mit der Geschichte der Normierung der Bevölkerung - so ist etwa die ökonomisch notwendige Mobilität der Arbeitenden eine der Ursachen des Phänomens der Sozialversicherung, das im 19. Jahrhundert aufkommt.

Vor allem geht den sozialen Rechten der Arbeitenden eine lange Geschichte der Arbeitskämpfe voraus. Es hat also nicht immer sozial abgesicherte Verhältnisse gegeben. Das von Hobsbawm7 so genannte "goldene Zeitalter" trägt diesen Namen, weil bis dahin eine Entwicklung zunehmender sozialer Rechte für die so genannten "ArbeitnehmerInnen" stattgefunden hat. Diese Entwicklung entsprang keineswegs der Gnade, ihr gingen massive Bewegungen und Kämpfe um rechtliche und soziale Absicherungen voraus. Mit dem Konzept des "Wohlfahrtsstaates" erreichten die Absicherungen einen Höhepunkt. Seit damals werden die Rechte in einer langfristig angelegten strategischen Vorgangsweise sukzessive abgebaut.

Der Begriff Prekariat, der heute gerne verwendet wird, suggeriert jedoch so etwas wie eine "verlorene" Sicherheit: Als hätte anderswo, gestern, z.B. in den geregelten Arbeitsverhältnissen des Hobsbawmschen "goldener Zeitalters", zwischen den 1950er und 1980er Jahren so etwas wie eine Gegenseitigkeit zwischen ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen existiert. Tatsächlich hat es eine solche Gegenseitigkeit nie gegeben. Auch wenn es Schutzmaßnahmen für ArbeitnehmerInnen gegeben hat und nach wie vor gibt, bedeutet das keineswegs, dass in den Unternehmen Demokratie verwirklicht wurde. So haben wir es in der gesamten "Geschichte der Arbeit" mit unterschiedlichen Abhängigkeitsgraden der Arbeitenden von den ArbeitgeberInnen zu tun.

 

6. FLIESENLEGER MAURER AUS POLEN 10 JAHRE IN ÖSTERREICH SUCHT ANGEMELDETE STELLE
Geschichte der Arbeitsmigration

Ein weiterer Aspekt, der die scheinbar sicheren Verhältnisse und die so genannte Solidarität im Österreichischen sozialpartnerschaftlichen Wohlfahrtsstaat begleitete, ist die Tatsache, dass es seit den 1960er Jahren eine zunehmend wachsende Gruppe in der Gesellschaft gibt, denen die Solidarität eben nicht gilt: die MigrantInnen. Die Geschichte der Sozialpartnerschaft ist somit eine nationale Geschichte der Solidarität qua Ausschluss: Das korporatistische Dreieck von Staat, Unternehmen und Gewerkschaften sollte eine Teilhabe der Arbeitenden an der Gesellschaft sichern. Nicht aller Arbeitenden, denn die Rechte der österreichischen ArbeiterInnen wurden und werden auf Kosten anderer ArbeiterInnen gewährleistet, denen die Teilhabe nicht zusteht. Ein Konsens wurde erreicht, während gleichzeitig ein neues Subproletariat installiert wurde: ArbeitsmigrantInnen. 8

Diese sehen sich seit dem Beginn der organisierten Arbeitsmigration im Nachkriegsösterreich (und damit seit dem Beginn der Sozialpartnerschaft) gezwungen alle Maßnahmen, die ihre Teilnahme an der Gemeinschaft vergrößern, gegen die so genannten Sozialpartner durchzusetzen. Diese Maßnahmen sind vielfältig und reichen von der Verwurzelung, der Verfestigung der Aufenthaltsgenehmigungen bis zur Schaffung für eigene Bedürfnisse zuständiger Netzwerke. Diese Gruppe stellt somit bis heute und zunehmend erfolgreich die gesamte Idee der nationalstaatlichen Sozialpartnerschaft in Frage.

Wie sehr die Sozialpartnerschaft und die Normierung der Migration zusammenspielen lässt sich im Bereich der Verwaltung der so genannten Ausländer beobachten. Traditionell steht dieser Bereich unter der Kontrolle der Fremdenpolizei. Konkret handelt es sich dabei jedoch um eine Arbeitsteilung zwischen der Polizei, die für die Eckdaten zuständig ist (Erteilung eines Aufenthaltsbewilligung, Verfolgung der Illegalisierten, Abschiebungen, Ausweisungen usw.) und den Sozialpartnern (ÖGB /AK und Wirtschaftskammer / Wirtschaftsbund), die für Erteilung und Kontrolle der BeschäftigungsMöglichkeiten und für die Erhaltung der so genannten "BundeshÖchstzahl" zuständig sind. Um den Arbeitsmarkt zu regulieren wurde im Jahr 1976 das Ausländerbeschäftigungsgesetz installiert, dessen Prinzip bis heute das "Primat des Inländers" lautet. Es löste das "Inlandsarbeiterschutzgesetz" ab, dessen Prinzip der "Schutz der Inländer" war. Schutz hieß, dass die damals so bezeichneten "Fremdarbeiter" dann zugelassen wurden, wenn die einheimischen ArbeiterInnen Arbeitsplätze hatten. Wenn aber diese zugelassen waren, galt solidarische Gleichheit unter ihnen. Sie gehörten der gleichen Arbeiterklasse an, deren Gegenüber und Feind der Kapitalismus war. "Inländerprimat" heißt dagegen heute, dass es zwei Kategorien von ArbeiterInnen in österreich gibt: "Inländer" und "Ausländer". Unter ihnen ist keine Solidarität möglich, weil die einen von der Anwesenheit und Ausbeutung der Anderen profitieren. Innerhalb der Kategorie "Ausländer" gibt es Unterscheidungen zwischen jenen, die eine Beschäftigungsbewilligung, jenen die eine Arbeitserlaubnis und jenen die einen Befreiungsschein innehatten. Diese drei Namen entsprechen drei unterschiedlichen rassistischen Abhängigkeitsverhältnissen. Das Grundsätzliche aber, dass ein "Ausländer", wenn er eine reguläre Bewilligung hat, dem "Inländer" gleichgestellt wird, trifft für keines der Verhältnisse zu. Denn die Rechte erstreckten und erstrecken sich bis heute nicht auf die soziale und politisch-gesellschaftliche Ebene. Wie sieht diese Situation heute aus? Um sich dieser Frage anzunähern, genügt ein Blick auf die Formulare der Erteilung von Aufenthaltsbewilligungen, denn diese sind an die Art und Weise der Lebenserhaltung gebunden. Dort finden sich dann die jeweiligen "Aufenthaltstitel" und hinter jedem dieser Titel versteckt sich eine andere Möglichkeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Auf den Aufenthaltsbewilligungen werden also ganz bestimmte Arbeitstitel erteilt. Neben den traditionellen Aufenthaltstiteln finden sich hier zunehmend SaisonarbeiterInnen, ErntehelferInnen, Au pair Mädchen usw. vor. Ein neues Subproletariat ist entstanden und es vergrÖßert und differenziert sich weiterhin entsprechend der gerade vorherrschenden Methoden der Herrschaftsregulierungen.

Dieses Subproletariat – mit und ohne "Arbeitstitel", als Asylsuchende, FamilienangehÖrige, TouristInnen oder Klandestine in Europas Kellern lebend – findet am ehesten Beschäftigung in der Schattenwirtschaft. Es ist merkwürdig zu beobachten, wie an den Europäischen Grenzen ein regelrechter Krieg gegen Flüchtlinge herrscht, während diese Flüchtlinge gleichzeitig aus wirtschaftlichen Gründen angeworben werden. Der Schutz der äußeren Grenzen ist direkt mit der Verwischung der Grenzen der Legalität im Landesinneren in Verbindung zu bringen. Die Grenzen der legalen und illegalisierten Arbeit werden zunehmend in Frage gestellt - durch Leiharbeit, befristete Arbeitsverhältnisse, oder durch die geduldete Illegalisierung eines gewissen Prozentsatzes der Bevölkerung – des Subproletariats, einer Armee von "Mobilen Menschen", die auf keine Stütze zurückgreifen können. Die Verhältnisse in der Schattenwirtschaft werden dabei zugleich produziert, genutzt und verfolgt, was sich etwa an der Jagd auf die "Pfuscher" zeigen lässt, die in Österreich eine ausgeprägte korporatistische und nationalistische Patronage von Gewerkschaft, Polizei und UnternehmerInnen genießt, aber auch an den regelmäßigen Razzien auf der Suche nach illegalisierten Sex- und anderen ArbeiterInnen.

Die Grenzregime weiten sich aus, die westlichen Arbeitsmärkte schließen sich ab, der globalisierte Kapitalismus verstärkt die Kluft zwischen armen und reichen Ländern und produziert Armut und Migration, die repressive EU-Einwanderungspolitik lässt die Anzahl der illegalisierten Menschen weiter steigen. Migration wird ständig hergestellt und illegalisiert. Die soziale Absicherung der westlichen "ArbeitnehmerInnen" fand und findet bis heute also weitgehend auf Kosten von zunehmend illegalisierten MigrantInnen und ArbeiterInnen im globalisierten Süden unter post- und neokolonialen Verhältnissen statt.

7. SIE HABEN KEINE ZEIT ZU PUTZEN? ICH MACHE IHRE HAUSARBEIT
Ethnisierung der feminisierten Arbeit

Es ist eine Tatsache, und das zeigen auch diese Anzeigen, dass der Großteil der informellen Arbeit ohne soziale Absicherungen nicht im sich prekarisierenden Mittelstand und in den selbstausbeuterischen Ich-Ags der Creative Industries zu finden ist, sondern im Bereich der als "schmutzig" abgewerteten Sektoren des Arbeitsmarktes.9 Weiterhin sind es mehrheitlich MigrantInnen, die in diesen Feldern arbeiten. Gerade in den Bereichen der Dienstleistungen, in der Hausarbeit und Sexarbeit handelt es sich großteils um migrantische Frauen – mit legalem und sehr oft ohne legalen Aufenthaltsstatus. An diesem Punkt greifen geschlechtliche und rassistische Diskriminierung ineinander: Die klassischen feminisierten Arbeitsbereiche im Feld der Versorgung wie Haushalt und Pflege werden ethnisiert. Und auch hier haben wir es mit einem Feld zu tun, in dem eine mehrheitsgesellschaftliche, scheinbare Emanzipation auf Kosten eines ausgeschlossenen Teiles der Gesellschaft stattfindet.

So bemerkt etwa Mario Candeias: "Erfolgreiche Karriere-Frauen können sich von alten Familienformen emanzipieren, indem sie auf die billige – häufig illegalisierte – Arbeitskraft von Migrantinnen für die häusliche Produktionsarbeit zurückgreifen"10 und Ariane Sadjed formulierte in der Tageszeitung Der Standard: "Die Migrantinnen dienen dann sozusagen als Katalysator dafür, dass wir eine Ausbildung machen können oder auch einen feinen Job annehmen können, während sie unsere Kinder hüten oder das Haus putzen."11Die Emanzipation eines Teils der westlichen Frauen findet vor einem Hintergrund der übergabe der Reproduktionsarbeit an die migrantischen Frauen statt. Und sie findet selbstverständlich weiterhin auch entlang sozialer Linien statt: Zunehmend wächst die Kluft zwischen hoch und niedrig qualifizierter Arbeit von Frauen. Während ein Teil der Frauen von der Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse profitieren kann, findet sich ein anderer Teil weiterhin und zunehmend in prekären und unabgesicherten Verhältnissen vor. An der Abwertung der existentiell notwendigen Hausarbeit ändert die Karriere der Erfolgreichen allerdings nichts, diese wird vielmehr fortgeschrieben.

Was also auf den ersten Blick als eine Errungenschaft im Verhältnis heterosexueller Beziehungen erscheinen mag, ist letztlich nichts als eine Erhaltung der klassistischen und sexistischen Unterscheidungen bei gleichzeitiger Verschiebung auf migrantische feminisierte Arbeit:12 "Hausarbeiterinnen werden (...) nicht als qualifizierte Beschäftigte in einem Erwerbsarbeitsverhältnis gesehen, vielmehr werden ihnen persÖnliche Fähigkeiten zugeschrieben, die auf Geschlecht und Herkunft zurückgeführt werden. (...) Die Ethnisierung impliziert eine Abwertung des "Fremden" gegenüber dem "Eigenen" und verfestigt Hierarchien und Machverhältnisse."13

6. BLONDINE AUS OSTEUROPA NATURGEIL UND HEMMUNGSLOS<
Sexarbeit, Rassismus und überlebenstaktiken

90 Prozent der SexarbeiterInnen in Österreich sind MigrantInnen. Eine Auseinandersetzung mit den Stigmatisierungen der Sexarbeit kann daher nur gemeinsam mit einer Auseinandersetzung mit der Illegalisierung und Kriminalisierung von Migration stattfinden. Und diese, wie von MAIZ, dem autonomen Integrationszentrum von und für Migrantinnen in Linz formuliert wird, nur im Zusammenhang mit einer Auseinandersetzung mit dem "Recht auf Migration"14, und zwar vor dem Hintergrund weltweiter Ungleichverteilung von Reichtum, globalisierter Wirtschaft, post- und neokolonialer Ausbeutungsverhältnisse sowie der Illegalisierung weiter Teile der Migration. MigrantInnen in der Sexarbeit sind zahlreichen Formen der Kriminalisierung, Diskriminierung, Stigmatisierung und Ausbeutung ausgesetzt. Die fehlende legale Grundlage für die Arbeitsmigration und die gleichzeitige Nachfrage nach Arbeitskräften in der Sexarbeit sind Ausdruck einer grundlegenden Widersprüchlichkeit zwischen der offiziellen Politik und der tagtäglichen Praxis. In Österreich ist Sexarbeit immer noch "sittenwidrig" aber geduldet. "Gerade der halblegale Charakter dieser Arbeit, in Verbindung mit dem Fehlen jeglicher rechtlicher Standards, schafft ausbeuterische Arbeitsbedingungen."15 "SexarbeiterInnen haben zwar sehr wohl Pflichten, aber so gut wie keine (Arbeits-)Rechte. Anstelle von Akzeptanz und Anerkennung erfahren sie durch Gesellschaft und Staat Stigmatisierung, Kriminalisierung und Marginalisierung. (...) Die Lebens- und Arbeitsbedingungen, sowie die dafür mitverantwortliche rechtliche Situation von MigrantInnen in der Sexarbeit, sind inakzeptabel."16 In diesen inakzeptablen Bedingungen finden sich migrantische SexarbeiterInnen vor und ein. Und sie finden sich darin einen Weg zu existieren, entwickeln eigene Handlungstaktiken.

Die Angebote in den Anzeigen verweisen auf Nachfrage, die voll ist von Exotismen. Die Ausbeutungsverhältnisse amalgamieren sich mit der Lust am "Exotischen" und "Fremden". So wird die rassistische Fremdzuschreibung nicht selten zur Ressource in einer strukturell entrechteten Situation. Die Differenz "Polin" oder "Asiatin" zu sein, erweist sich als ein zusätzliches Angebot und bietet somit – trotzt aller Einschränkungen – auch eine kleine Chance am Reichtum des Westens mitzunaschen. Vor diesem Hintergrund rückt eine Auseinandersetzung mit strukturellen Bedingungen in den Vordergrund: Es geht um Forderungen nach Rechten sowohl als ArbeitsmigrantInnen als auch als SexarbeiterInnen. Es geht um die Beseitigung rassistischer Verhältnisse, die Menschen dazu zwingen, alles zu akzeptieren und daraus auch Ressourcen zum überleben zu entwickeln. Insofern verdienen auch diese Ressourcen, die diejenigen, die sie anwenden als handelnde Individuen innerhalb eines rassistischen und sexistischen Systems ausweisen, Anerkennung.

7. DRAGICA
Taktiken des überlebens

Wer jederzeit ohne besondere Gründe entlassen werden kann oder gar nicht angestellt ist und trotzdem seinen Lebensunterhalt verdienen muss, kann nicht mehr auf die klassischen Formen des Arbeitskampfes zurückgreifen, in denen die Erhaltung der gesetzlich garantierten Rechte, z.B. der befristeten, aber auch der unbefristeten Arbeitsverträge eine Rolle spielen. "Sich in einer Situation ständiger Unsicherheit zu befinden bedeutet, weder die Gegenwart noch die Zukunft positiv gestalten zu können".17Das erkämpfte Recht auf soziale Sicherheit und auf Arbeitskampf und Organisation wird zunehmend ausgehöhlt. Dementsprechend erleben wir derzeit eine konsequente Erweiterung eines anderen Bereiches: Der Gleichzeitigkeit von Flexibilisierungszwang, Ausbeutung, Entrechtung und Kontrolle steht eine permanente, listenreiche, lautlose und fast unsichtbare Produktion von Taktiken und Umgangsweisen mit der auferlegten Ordnung gegenüber. Es handelt sich um weitgehend individuelle Alltagstaktiken, die weit davon entfernt sind, eine organisierte Kraft zu sein. Und doch k&öuml;nnen sie in der Unterwanderung dieses neuartigen Zwangssystems nicht zu unterschätzende Fortschritte erzielen. Es handelt sich um Taktiken des überlebens, die zunächst einen unmittelbaren alltäglichen Wert für die AnwenderInnen haben, aber in einer Gesamtheit betrachtet auch so etwas wie eine Umdefinition und Verschiebung der Entrechtungen und Diskriminierungen herbeiführen kÖnnen. Die Geschichte der Arbeitsmigration ist nicht nur eine Geschichte der Normierung. Sie ist mindestens ebenso sehr Geschichte des Sich-Im-"Außen"-Einrichtens, um dort den Platz ganz anders zu gestalten, als er eigentlich zugewiesen war.

In den Zwischenräumen von Ausbeutung und Regulierung entwickeln sich Widersetzungstaktiken: Kräfte, die die reale kapitalistische Nachfrage bei gleichzeitiger Kriminalisierung ausnützen oder ihr entgegenarbeiten, sie umdeuten oder verkehren... Prekarisierte Subjekte sind keine armen Opfer. Innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen entwickeln sie Selbsttätigkeit und (über-)lebensstrategien. Oder wie Mario Candeias es beschreibt: "Prekarität ist eben kein Schicksal, vielmehr ist Prekarisierung ein Prozess in dem Subjekte aktiv handeln, der von ihnen mitgestaltet wird, immer. Auch das 'sich Einrichten' ist schon eine Form aktiver Subjektivierung und zeigt sich schon an den unterschiedlichsten Strategien, mit wachsender Unsicherheit und Geldnot umzugehen."18

Innerhalb dieser Taktiken spielen die Widersprüche des Unterdrückungssystems eine wesentliche Rolle. Wie oben beschrieben, finden sich migrantische Hausarbeiterinnen in zahlreichen Logiken ebenso widersprüchlicher wie gemeinsam wirksamer binärer Klassifizierung vor: Reiche Welt versus arme Welt, InländerInnen versus AusländerInnen, Mann versus Frau, Öffentlich versus Privat. In diesen und in den Gewaltstrukturen finden sie sich zurecht und verteidigen sich.19 Prekäre Arbeitsplätze sind im gegenwärtigen Migrationsregime auch SchlupflÖcher, die ausgenutzt werden. Unter den kriminalisierenden Bedingungen westlicher Einwanderungspolitiken bieten Privathaushalte als Arbeitsplatz teilweise Schutz vor staatlicher Verfolgung und Kontrolle. Andererseits ist es genau diese Unsichtbarkeit, die Ausbeutung, rassistische Diskriminierung und Gewalt erleichtert. Im letzten Jahrzehnt hat sich ein neues Muster der Migrationsbewegungen in Europa etabliert: Pendel- und Zirkelmigration: Die Taktiken dieser Gruppe unterscheiden sich von denen anderer MigrantInnen, insofern sie die alten Muster der polizentrischen Fixierungen (hier und dort leben und vielleicht noch irgendwo) noch mehr betonen: Bettina Haidinger beschreibt diese Mehrfachzugehörigkeit auch als Schutz vor den Logiken der Entwertung: "MigrantInnen stehen mit einem Fuß im gewohnten sozialen Umfeld und können den Diskriminierungen und Deklassierungen im Immigrationskontext entgehen, die durch die Einwanderungsgesetzgebung und Alltagsrassismus begründet werden."20"Die Betonung der "übergangsstadiums" dient dabei als Schutz vor etwaigen Abwertungen und sorgt dafür Zielvorstellungen und Perspektiven für die Zukunft nicht aus den Augen zu verlieren, ist aber auch ein Hindernis für die kollektive Selbstorganisation."21

8. ALLES MÖGLICH
Was nicht in den Anzeigen steht: Formen des Handelns und der Organisation

Die Formen des überlebens in den Zwischenräumen der UnMöglichkeit sind keineswegs nur individuell. Diasporische Netzwerke formieren sich längst und stellen eine Grundlage für die Alltagstaktiken der ArbeitsmigrantInnen zwischen überlebenskampf, Ausbeutung und Kriminalisierung dar. So bilden sich die Lebensformen im übergang zwischen Legalität und Illegalisierung im Kontext von migrantischer Gemeinschaftsbildung. Hier werden Grenzüberschreitungen organisiert, eventuell gefälschte Papiere ausverhandelt, finden Beherbergungen statt, werden provisorische Unterkünfte und Zugänge zu Arbeitsplätzen organisiert. Wenn es keine unmittelbare ZugehÖrigkeit zur einer Gesellschaft gibt, die Schutz bieten kann, dann bieten die Familien-, Herkunfts- und GruppenzugehÖrigkeiten diesen. Da in Österreich die Integration per Gesetz verboten ist22, sollte es auch nicht verwunderlich sein, wenn die meisten MigrantInnen diesen gewissermaßen vorindustriellen Schutzmechanismen wichtige Bedeutung beimessen. Bettina Haidinger beschreibt in ihrer Studie über Migrantinnen in der bezahlten Hausarbeit ebenfalls sehr anschaulich wie durch die Bildung von "Freundinnen-Netzwerken" Empowerment und Selbstorganisation von Hausarbeiterinnen stattfindet: "Viele Hausarbeiterinnen bedienen sich der Unterstützung und Vermittlung durch ein Freundinnen-Netzwerk. Die meisten Hausarbeiterinnen versuchen Jobs an andere Frauen zu vermitteln und wenden dabei unterschiedliche Strategien an" 23Und so kommt sie entgegen gängiger Opferstilisierungen zu dem Schluss: "Migrantische Hausarbeiterinnen sind mutige, pragmatische, schlaue Frauen mit Utopien, die innerhalb eines Kontextes der Ungleichheit und strukturellen Diskriminierung in der Lage sind, neue Strategien im überlebenskampf für sich und ihre Familien zu entwickeln."24

Politisches Handeln unter den Bedingungen seiner Verunmöglichung ist eine Realität, mit der sich nicht nur das Prekariat konfrontiert sieht. Die Geschichte der Arbeitsmigration ist weitgehend davon geprägt, durften sich doch aufgrund der österreichischen Gesetzgebung Vereine von MigrantInnen nur bilden, wenn sie nicht politische, sondern bloß sportliche und kulturelle Zwecke verfolgten. Und trotzdem organisierten etwa im August 1993 jugoslawische und türkische Vereine eine Demonstration gegen das Aufenthaltsgesetz. Und bereits in den 60er Jahren stellten die Arbeitsplätze einen Ort der Artikulation von migrantischem Protest dar. 1965 streikten im Iso-Span-Werk in Obertrum und 1966 in einer Baufirma in Admont jugoslawische ArbeiterInnen.

In beiden Fällen war die Forderung Lohnerhöhung. Die Niederschlagung der Streiks bedeutete für zahlreiche Streikende die Ausweisung. "Fremdarbeiter", die "unangenehm auffielen", wurden damals kurzerhand abgeschoben. Die Entscheidung darüber, wer unangenehm auffiel, oblag der so genannten Ausländerpolizei. Dabei ist zu bemerken, dass die Isolierung der MigrantInnen von der mehrheitsösterreichischen Arbeiterschaft oft Teil der Taktik der Sozialpartner war.

"Parallel zu diesen sozialen Kämpfen innerhalb der Arbeitsstätten entwickelten sich Organisationsstrukturen in den MigrantInnengruppen. Die Gründung von Vereinen stellte den Versuch dar, den sozialen Ausschließungsinstrumentarien zu entkommen. Seit Mitte der 90er Jahre entwickelten sich neben der in den alten Vereinen gepflegten Identitätspolitik andere Formen von politischer Aktivität. Zu diesen neuen Gruppen zählen etwa die Arbeiterkammer Fraktion BDFA (Bunte Demokratie für alle), Die Bunten, ANAR (Austrian Network Against Racism) und das autonome MigrantInnenzentrum MAIZ. Während die alten Vereine eine defensivere Form der Politik betreiben, versuchen die jungen, partizipationsorientierten Organisationen die Forderung nach gleichen Rechten konfrontativ zu stellen."25

9. MäCHTIG PREKäR!
Möglichkeiten eines Arbeitskampfes unter den Bedingungen seiner Verunmöglichung

Wenn alle zu UnternehmerInnen ihrer selbst werden, dann zieht sich der Klassenkampf gleichsam durch die Individuen selbst. Und was würde es bedeuten, sich selbst zu bestreiken? Während die Illegalisierten einer Fremdenpolizeiregime unterliegen und mit ständigen Kontrollen bis zur offenen Gewaltanwendung zu rechnen haben, werden die Langzeitarbeitslosen, weil sie Staatsbürger sind, anderen, subtileren Kontrolltechniken unterworfen. Da diese Gruppen in keine neuralgischen Sphären des gesellschaftlichen Lebens (Arbeit, Bildung, Kultur, Verwaltung, Justiz, Medien usw.) eingebunden sind, scheinen die Möglichkeiten der Entwicklung eines Kampfpotentials als Gruppe massiv eingeschränkt. Und doch findet seit einiger Zeit eine politische Formierung statt, die mit der Entwicklung neuer Kampfformen und Aktivismen einhergeht. Der Begriff des "Prekariats" hat sich eben auch als politischer Begriff entwickelt, der unter anderem in jährlich stattfindenden "May Day-Paraden" seinen Ausdruck findet. Aus einem Netzwerk italienischer, franzÖsischer und katalanischer AktivistInnen ging am 1. Mai 2001 die erste MayDay Parade in Mailand hervor. Zentral ist dabei die Formierung eines politischen Ausdrucks für die unterschiedlichen Formen prekären Arbeitens und Lebens, die durch die klassischen Institutionen der ArbeiterInnenbewegung und der Linken eben nicht (mehr) organisiert werden können. Dabei werden neue Organisationsformen entwickelt und erprobt. So geht es dem Mayday-Netzwerk "nicht um Repräsentation und/oder Einheitlichkeit, sondern um ein Sichtbarmachen der Vielfältigkeit der Wünsche, Lebens- und Kampfformen. Im Zentrum steht dabei Selbstorganisation und Vernetzung."26 Und die MayDay Bewegung scheint sehr bemüht zu sein die zentrale Schwieerigkeit anderer altermondialistsicher Bewegungen zu überwinden, nämlich die, dass der Ruf nach Arbeit und dessen ideologische Verwandlung "in die erste Bürgerpflicht" konsequent die Nicht-StaatsbürgerInnen ausschließt. Seit 2001 hat sich die May-Day Bewegung vervielfacht und auf zahlreiche weitere Städte in Europa ausgedehnt. Seit 2005 finden auch in Wien May-Day Paraden statt. Was dabei geschieht ist eine breite Vernetzung zur Thematisierung unterschiedlicher Formen von Prekarität, von Sexarbeit bis hin zu Erwerbsarbeitslosigkeit, von prekarisierten KünstlerInnen zu migrantischen ErntehelferInnen.

Mit der Prekarisierung des Mittelstandes und der zunehmenden Arbeitslosigkeit, mit der Entwicklung neuer Formen von Aktivismen und Bewegungen tauchen also auch neue Linien der Solidarisierung und Vernetzung zwischen MigrantInnen und AktivistInnen aus der Mehrheitsgesellschaft auf. Unter dem Titel des "Prekariats" wird der Versuch unternommen antirassistische Kämpfe mit Kämpfen gegen Ausbeutung und soziale Ausschlüsse zu verbinden, nationale Entsolidarisierungen in Frage zu stellen und neue Kampflinien zu ziehen.

In einem Arbeitspapier formuliert das seit 2003 bestehende europaweite Frassanito Netzwerk in diesem Zusammenhang gar eine wesentliche "politische Zentralität" der migrantischen Arbeit. Es verortet – angesichts der allgemeinen "Migrantisierung" der Arbeitsverhältnisse in unseren Gesellschaften – gerade in der Position der MigrantInnen, eine politische Möglichkeit Ausbeutung zu bekämpfen. Das klingt dann folgendermaßen:

"Gerade weil MigrantInnen die genannten Formen der Entwertung und Prekarisierung heute in allen Aspekten des Lebens erfahren, gerade weil in der Mobilität eine Antwort auf die konstruierten Grenzen und zugeschriebenen Identitäten liegt, zeigen ihre Bedingungen, was aktuelle gesellschaftliche Dynamiken insgesamt kennzeichnet. In ihrer subjektiven Situation finden die allgemeinen Existenzbedingungen der gesellschaftlichen Arbeit heute einen besonderen Ausdruck. In diesem Sinn sprechen wir von »migrantischer Arbeit«: Hier sehen wir eine Tendenz, dass Arbeit zunehmend durch Mobilität und Vielgestaltigkeit bestimmt ist, durch tiefgreifende Veränderungen, die bereits - wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß - alle ArbeiterInnen erfassen. Genau wegen dieser mÖglichen Ausweitung sprechen wir von einer »politischen Zentralität der migrantischen Arbeit«. In der Position der MigrantInnen liegt die soziale Vorwegnahme sowie die politische Möglichkeit, gegen die genannten Entwicklungstendenzen der Ausbeutung anzukämpfen, die auf die gesamte Gesellschaft und auf das ganze Leben der Einzelnen ausgedehnt werden sollen. Zugleich gilt auch für »migrantische Arbeit« wie schon für prekäre Arbeit, dass sich in diesem Ausdruck kein homogenes Subjekt widerspiegelt. Vielmehr muss ein Entwicklungsprozess der Subjektivität durch die migrantische Arbeit hindurch und darüber hinausgehen, was ebenfalls nur in der Kommunikation mit anderen Kämpfen und Forderungen lebendiger Arbeit in Gang zu setzen ist."27

Zwischen diesen heroischen Vorstellungen einer internationalen Mobilisierungsrhetorik und der Normalität des überlebenskampfes, der aus den Inseraten, die Hannah Stippl gesammelt hat, spricht, sollte mit diesem Text der Versuch gemacht werden, durch die Analyse von "Prekarität" und migrantischen Alltagsrealitäten zu Fragen nach einer Möglichkeit der Politik heute zu gelangen. Eine solche Analyse kann die bestehende Normalität nicht aus den Augen verlieren. Und diese ist eben weder heroisch und breit organisiert, noch ohnmächtig und sprachlos. Innerhalb der bestehenden indiskutablen Verhältnisse von Entrechtung und Kriminalisierung, von Ausbeutung und Rassismus bahnen sich die prekären ArbeiterInnen ihren Weg. Sie operieren ständig mit Antinomien, finden sich ein und widersetzen sich, entwickeln Strategien des (über)Lebens und bilden mehr oder weniger informelle Netzwerke. Sie stellen die bestehenden Verhältnisse in Frage, aber sie bedienen sie auch. Nur soviel lässt sich feststellen: Sie sind viele und werden immer mehr.

1 Pierre Bourdieu, Prekariat ist überall, in: Pierre Bourdieu (Hg.), Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion, Konstanz 1998, S. 97

2 Prekär, Prekarisierung, Prekariat? Bedeutungen, Fallen und Herausforderungen eines komplexen Begriffs, und was das mit Migration zu tun hat ...Arbeitspapier des Frassanito Netzwerks, http://www.labournet.de/diskussion/arbeit/realpolitik/prekaer/frassanito.html

3 ebda.

4 Diese ist zur Zeit in Österreich nicht so sehr spürbar, weil die neokoloniale Strategie wirtschaftlicher Unterwerfung des Ostens viel Kapital aus diesen Ländern in Richtung Österreich transferiert. Trotz dieses Reichtums der in Richtung Österreich fließt, verbreiten sich vorübergehende Beschäftigungsverhältnisse.

5 Gruppe KRISIS, Manifest gegen die Arbeit. Wien, 2004, S.10-11.

6 Robert Castel, Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit. Konstanz. 2000, S. 337.

7 Vgl. Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. München, 1998, S. 324.

8 Vgl. Chantal Magnin, Prekäre Integration. Die Folgen unsicherer Beschäftigungsverhältnisse, Institut für HÖhere Studien (IHS), Reihe Soziologe, Wien 2005, S. 14

9 In den gerade stattfindenden Individualisierungs und Entkollektivisierungsprozessen gibt es – das soll keineswegs verschwiegen werden – auch GewinnerInnen. Im Allgemeinsten sind das diejenigen die über eine gute Ausbildung und irgendeine Form der sozialen Absicherung, sei es materieller Reichtum oder kulturelles Kapital oder gesellschaftlichen Beziehungen verfügen.

10 Mario Candeias, Widersprüche der Prekarisierung und Handlungsfähigkeit

11 Ariane Sadjed: Frauenfrage in Zeiten der Existenzsicherung. In: Der Standard, 01/12.003.2006, S38.

12 Bettina Haidinger: "Ich putze Dreck, aber ich bin kein Dreck!" Migrantinnen in der bezahlten Hausarbeit. Eine qualitative Untersuchung unter ArbeitgeberInnen und Arbeitnehmerinnen. In: Katja Hartl und Margarete Kreimer: Am Rande des Arbeitsmarktes. Haushaltsnahe Diernstleistungen. Materialien zur Wirtschaft und Gesellschaft, Wien, November 2004, S69. Diese Studie würde in Zusammenarbeit mit MAIZ, autonomes Integrationszentrum von und für Migrantinnen in Linz, durchgeführt.

13 ebda. S73.

14 Vgl. http://www.maiz.at

15 Migration und Sexarbeit, Stellungnahme von HYDRA, http://www.rechtauflegalisierung.de/text/hydra.html

16 Sexarbeit und Gesetzgebung in Österreich http://no-racism.net/article/961

17 Robert Castel, Die Stärkung des Sozialen. Leben in neuen Wohlfahrtstaat. Hamburg, 2005, S.39-39.

18 Mario Candeias, Widersprüche der Prekarisierung und Handlungsfähigkeit

19 Vgl. Bettina Haidinger: "Ich putze Dreck, aber ich bin kein Dreck!" Migrantinnen in der bezahlten Hausarbeit. Eine qualitative Untersuchung unter ArbeitgeberInnen und Arbeitnehmerinnen. In: Katja Hartl und Margarete Kreimer: Am Rande des Arbeitsmarktes. Haushaltsnahe Dienstleistungen. Materialien zur Wirtschaft und Gesellschaft, Wien, November 2004, S76.

20 ebda. S66

21 ebda. S75.

22 Das gesamte sogenannte "Fremdengesetzgebung" besteht aus nichts anderem als aus Verbots- und Regulierungsregelungen. Es handelt sich dabei um eine Apparthaidsrecht, das nur zur Sicherung des "Primates" der Inländers dient.

23 Vgl. Bettina Haidinger: "Ich putze Dreck, aber ich bin kein Dreck!" Migrantinnen in der bezahlten Hausarbeit. Eine qualitative Untersuchung unter ArbeitgeberInnen und Arbeitnehmerinnen. In: Katja Hartl und Margarete Kreimer: Am Rande des Arbeitsmarktes. Haushaltsnahe Dienstleistungen. Materialien zur Wirtschaft und Gesellschaft, Wien, November 2004, S76.

24 Ebda.

25 Vgl. Arif Akkilic, Ljubomir Bratic, Demotreffpunkt 1993, Demonstrationen gegen das Aufenthaltsgesetz Selbstorganisation und Widerstand, Text in der Ausstellung "gastarbajteri. 40 Jahre Arbeitsmigration", Wien Museum Karlsplatz 2004, http://gastarbajteri.at/im/107105950479/107459990277/107157354224

26 MayDay, MayDay, History & Best Practice, http://euromayday.at/texte

27 Prekär, Prekarisierung, Prekariat? Bedeutungen, Fallen und Herausforderungen eines komplexen Begriffs, und was das mit Migration zu tun hat ...Arbeispapier des Frassanito Netzwerks, http://www.labournet.de/diskussion/arbeit/realpolitik/prekaer/frassanito.html